ZöR
Zeitschrift für öffentliches Recht

ISSN 0948-4396 (Print)
ISSN 1613-7663 (Online)
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Zusammenfassung Seit einigen Jahren werden in der Türkei systematisch grundlegende rechtstaatliche und demokratische Prinzipien abgebaut. Insbesondere der fehlgeschlagene Putschversuch vom Juli 2016 wird von Präsident Recep Tayyip Erdoğan genützt, um seine präsidiale Macht weiter auszubauen, so zB durch ein im April 2017 abgehaltenes Verfassungsreferendum, welches die Türkei in ein präsidentielles System umwandeln soll. Als nächster Schritt wurde daher nun auch die Wiedereinführung der Todesstrafe in der Türkei durch ein Referendum angekündigt. Im Fokus des vorliegenden Artikels steht jedoch nicht die völker- und verfassungsrechtliche Konformität eines solchen Referendums per se, sondern vielmehr die Frage, ob die Durchführung eines solchen Referendums extraterritorial – also in anderen Staaten wie zB Deutschland oder Österreich – auf Grund völker- und verfassungsrechtlicher Bedenken untersagt werden kann oder sogar untersagt werden muss. Nach einer Analyse der grundsätzlichen völkerrechtlichen Genehmigungspflicht fremder Wahlen auf dem eigenen Territorium werden mögliche Ausnahmen von dieser Genehmigungspflicht untersucht und die bisherige Praxis bei der Durchführung ausländischer Wahlen in Deutschland und Österreich dargestellt. Der Hauptteil des Artikels wird sodann die in Frage kommenden Rechtsgrundlagen für eine Untersagungspflicht besprechen und die Rechtsfolgen einer Untersagung und deren Durchsetzbarkeit diskutieren.

Abstract The last years have seen the systemic dismantling of fundamental constitutional and democratic principles in Turkey. Particularly the failed coup of July 2016 is being instrumentalized by President Recep Tayyip Erdoğan to expand his presidential powers, eg by way of a constitutional referendum held in April 2017, which is intended to transform Turkey into a presidential system. As a next step, he announced the reintroduction of the death penalty in Turkey, again on the basis of a referendum. The paper at hand is, however, not concerned with the question whether such a referendum is per se in violation of international and constitutional law, but rather with the issue whether the holding of such a referendum extraterritorially – ie in other States such as Germany or Austria – can or even must be denied due to international and constitutional law considerations. After an analysis of the principal international legal requirement that all foreign elections or referenda are subject to prior permission by the host State, potential exceptions to this requirement will be examined and the past and present practice of Germany and Austria in this respect will be depicted. The main part of this paper will subsequently critically discuss the respective international legal bases which could obligate these States to deny Turkey the holding of an extraterritorial referendum on the reintroduction of the death penalty and discuss the consequences of such a denial and its enforceability.

Abstract Especially solidarity has often been referred to in the context of the Euro-crisis, yet it has not played a very pronounced role in case law or secondary law. This article shows that instead of determining the legality of Union measures to address the Euro-crisis, both solidarity and loyalty had an enabling function for Member State measures outside of the Union framework. After Pringle and the addition of Article 136(3) TFEU, at least in the EMU positive (financial) solidarity has taken on a conditional form, offsetting the conflict that would otherwise exist with the fiscal discipline required by primary law. Loyalty underpins the independence of the ECB, both in substantive terms as well as in organisational terms. Both solidarity and loyalty finally converge as foundations of the rule of law in the Union, which is important with regard to the sanctioning mechanisms in the EMU.

Zusammenfassung Insbesondere Solidarität wurde im Kontext der Eurokrise immer wieder genannt. In der Rechtsprechung und auch im Sekundärrecht hat Solidarität in diesem Zusammenhang jedoch keine besondere Rolle gespielt. Der Beitrag zeigt, dass sowohl Solidarität als auch Loyalität vielmehr dazu dienten, die Rechtmäßigkeit von Maßnahmen der Mitgliedstaaten außerhalb des Rahmens des Unionsrechts zu beurteilen. Nach Pringle und der Hinzufügung von Art 136 Abs 3 AEUV stellte sich positive (finanzielle) Solidarität, zumindest in der WWU, als bedingte Solidarität dar, im Spannungsverhältnis zur vertraglich verordneten Haushaltsdisziplin. Loyalität ist die Grundlage der Unabhängigkeit der EZB sowohl in materieller als auch organisatorischer Hinsicht. Solidarität und Loyalität wirken schließlich gemeinsam als Grundlagen der Rechtsstaatlichkeit in der EU und sind damit bedeutend im Kontext der Sanktionsmechanismen in der WWU.

Abstract The year 2016 brought ten judgments in relation to individual applications directed against Austria, seven of which found a violation by Austria of the Convention. The pattern of the “usual suspects” in terms of affected Convention rights has widely remained intact. The reported judgments and inadmissibility decisions deal with Articles 6, 8, 10 as well as 34 and 35 of the Convention. The Court once again specifically reminded Austria that it had already repeatedly found violations of Article 6 due to the excessive length of proceedings.

Zusammenfassung 2016 ergingen zehn Urteile des EGMR bezüglich Individualbeschwerden gegen Österreich; in sieben davon kam es zu einer Verurteilung Österreichs. Das Muster der „üblichen Verdächtigen“ der betroffenen EMRK-Garantien – Artikel 6, 8 und 10 sowie 34 und 35 EMRK – ist nach wie vor intakt. Bemerkenswert ist, dass der Gerichtshof erneut besonders daran erinnerte, dass er bereits wiederholt Konventionsverletzungen Österreichs wegen überlanger Verfahrensdauer festgestellt hat.

Zusammenfassung Mit dem folgenden Beitrag wird die Übersicht über die Rechtsprechung der österreichischen Höchstgerichte zur EMRK für das Jahr 2016 fortgeführt. Inhaltlich ist das Spektrum der Entscheidungen breit gefächert, der besondere Schwerpunkt auf Art 6 EMRK betreffende Fragestellungen ist beinahe schon traditionell. Weitere Schwerpunkte betreffen – auch dies hat bereits Tradition – Art 8 und 10 EMRK.

Abstract This contribution continues the survey on the jurisdiction of the Austrian Highest Courts with regard to the ECHR for 2016. With regard to content there is a wide range of decisions, nevertheless the focus is – comparable to previous years – related to Art 6. Another focus lies on Art 8 and 10 ECHR.

Zusammenfassung In dem besprochenen Erkenntnis geht der VfGH von seiner bisherigen Rechtsprechung zu Art 89 B-VG und Art 139 Abs 3 bzw Art 140 Abs 3 B-VG ab. Die von ihm bisher vertretene Deutungsvariante, die aus einer Kombination der sogenannten Gleichsetzungs-, Ausnahme- sowie Gehorsamsthese beruht hat, wird von ihm aufgegeben. Er schließt sich der ursprünglich von Kurt Ringhofer zur B-VG-Novelle 1975 vertretenen Deutungsvariante an, wodurch die Unstimmigkeiten und Brüche der in der herrschenden Lehre und Judikatur vertretenen Position beseitigt werden sollen. Da es sich hier um eine zentrale Frage des österreichischen Rechtsschutzsystems handelt, kommt dem Erkenntnis fundamentale Bedeutung zu.

Abstract The landmark decision of the Austrian Constitutional Court analysed here tries to solve a fundamental problem of judicial review in Austrian constitutional law. The court overturned its previous rulings on the relationship of Article 89, Article 139 Section 3 and Article 140 Section 3 of the Austrian Federal Constitution by adhering to an interpretation proposed by its former vice president Kurt Ringhofer in 1977. The case will be of fundamental importance for a proper understanding of Austrian constitutional law.