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Zeitschrift für öffentliches Recht

ISSN 0948-4396(Print)
ISSN 1613-7663 (Online)
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Zusammenfassung Das künftige Einheitspatent für den Binnenmarkt gründet auf einem hybriden Mix aus unionsrechtlichen und völkerrechtlichen Elementen, der in dieser Breite und Tiefe bislang einmalig ist. Ziel ist es, die Einflüsse der supranationalen Methode des Unionsrechts, insbesondere des EuGH, so gering wie möglich zu halten. Darin ist das System auch so erfolgreich, dass Großbritannien ungeachtet seines bevorstehenden Austritts aus der EU beteiligt bleiben möchte. Gleichzeitig hat der EuGH die hybride Regelungsmethode im Grundsatz für unionsrechtskonform erklärt. Auf diese Weise stellt das Einheitspatentsystem eine für Großbritannien und die EU gleichermaßen akzeptable Balance zwischen politischen Vorgaben und unionsrechtlichen Anforderungen her. Der vorliegende Beitrag analysiert die hybride Regelungsmethode und ihre besonderen Merkmale und stellt die Frage, inwieweit sie ein Schlaglicht auf das von Großbritannien angestrebte New Partnership mit der EU wirft.

Abstract The system of the future Unitary Patent for the EU’s internal market rests on a hybrid mixture of elements of EU law and international law, hitherto unprecedented in both regulatory scope and depth. Its aim is to minimize as much as possible the impact of the EU’s supranational method, particularly the influence of the CJEU, on patent matters. The system is so successful in the pursuit of this aim that the United Kingdom wishes to stay on board in spite of its pending exit from the EU. At the same time, the CJEU has declared the hybrid regulatory method to be compatible with EU law in principle. The Unitary Patent system thus strikes a balance between political objectives and the requirements of EU law, which appears acceptable to the UK and the EU alike. This submission analyses the hybrid regulatory method and its peculiar characteristics and questions in how far that method might offer a preview on one potential aspect of the proclaimed New Partnership which the UK seeks to establish with the EU.

Zusammenfassung Der EuGH hat mit dem Urteil C-137/14 (Kommission/DE) die Präklusionsvorschriften des deutschen Umwelt-Rechtsbehelfsgesetzes (UmwRG) und des deutschen Verwaltungsverfahrensgesetzes (VwVfG) für unionsrechtswidrig erklärt, weil sie mit den Vorgaben der UVP- und der Industrieemissions-Richtlinie nicht vereinbar sind. Beide Richtlinien verpflichten die Mitgliedstaaten, den Angehörigen der betroffenen Öffentlichkeit Zugang zu einem Überprüfungsverfahren vor einem Gericht zu eröffnen. Es muss ihnen möglich sein, umweltrechtliche Genehmigungen zu bekämpfen, für die vor der Genehmigung eine Öffentlichkeitsbeteiligung durchzuführen ist. Der vorliegende Beitrag untersucht, welche unmittelbaren Konsequenzen sich aus dem EuGH-Urteil für das österreichische Anlagenrecht ergeben, und stellt dar, wie der Gesetzgeber bislang auf die Rechtsprechung reagiert hat. Darüber hinaus wird der Frage nachgegangen, welche weiteren Entwicklungen im anlagenbezogenen Rechtsschutz infolge der Aarhus-Konvention zu erwarten sind.

Abstract In C-137/14 (Commission/DE), the European Court of Justice declared unlawful German statutory provisions restricting access to court rights in environmental matters. The Court held that the rules on time-bars (also referred to as preclusion rules) laid down in the German Environmental Appeal Act (Umwelt-Rechtsbehelfsgesetz, UmwRG) and the Administrative Procedures Act (Verwaltungsverfahrensgesetz, VwVfG) do not comply with the requirements of the EIA Directive and the IED. Both Directives require Member States to guarantee members of the public concerned access to a review procedure before a court of law. Thus, the latter must be given the possibility to challenge administrative authorisations approved in procedures for which public participation was mandatory. The article examines the direct implications this ruling may have for the Austrian facilities law and discusses the legislature’s response to this case-law. The author further analyses the developments to be expected with regard to access to justice in environmental/industrial facilities matters under the Aarhus Convention.

Zusammenfassung Die Schutzpflichtendogmatik, die in Deutschland auf einer jahrzehntelang kontrovers geführten rechtswissenschaftlichen Diskussion beruht, zielt auf eine Balance zwischen den Erfordernissen der Freiheit und der Sicherheit. Der individuelle Schutz soll einer Freiheitsverträglichkeitsprüfung unterzogen werden. Kollektiver Schutz bedarf einer Sicherheitsverträglichkeitsprüfung. Das auf eine neu- und andersartige Bedrohungslage, insbesondere durch den internationalen Terrorismus, die organisierte Kriminalität sowie die an Häufigkeit und Intensität zunehmenden Katastrophenereignisse, reagierende Sicherheitsdenken beeinflusst die dogmatische Entwicklung. Auf der Ebene der Verfassung, der Gefahrenabwehr, des Strafrechts und des Kriegsrechts sind bereits deutlich Phänomene der Entgrenzung zu beobachten, die die Erfordernisse kollektiver Sicherheit immer mehr zulasten individueller Freiheit gehen lassen. Dieser Entwicklung sollte Einhalt geboten werden.

Abstract The dogmatic of state duty to protect in Germany is based on a decades-long controversial jurisprudential debate. The goal is a balance between the requirements of freedom and security. The individual protection is to be subjected to a freedom compatibility assessment. Collective protection requires a security compatibility assessment. The security thinking reacts to a changed threat situation, in particular through the international terrorism, organized crime and the increasing frequency and intensity of catastrophic events. This affects dogmatic development. At the level of the constitution, public security law, criminal law and war law, there are already clear phenomena of the “Entgrenzung” which make the requirements of collective security increasingly at the expense of individual freedom. This development should not continue.

Zusammenfassung Der Beitrag hinterfragt die dualistische Prägung von Art 59 Abs 2 GG, welche vom BVerfG zum wiederholten Male ausgesprochen wurde. Dieser kritische Blick wird auf eine evolutive Betrachtung von Art 59 Abs 2 GG sowie seiner Vorläuferbestimmungen gestützt. Darüber hinaus werden das Inkraftreten, die Änderung und Kündigung, die Auslegung, die verfassungsgerichtliche Kontrolle von völkerrechtlichen Verträgen sowie Parallel- und gemischte Abkommen analysiert. Dadurch wird eine dualistische Interpretation von Art 59 Abs 2 GG ebenso in Frage gestellt. Obwohl weder eine dualistische noch eine monistische Theorie vertreten wird, werden die theoretischen Grundlagen zum Verhältnis von völkerrechtlichen Verträgen zum Staatsrecht für wichtig erachtet. Anstelle einer verfassungsrechtlichen Kompetenz der Legislative zur einseitigen Derogation der innerstaatlichen Wirkung völkerrechtlicher Verträge wird für eine Mitwirkung der Legislative auf völkerrechtlicher Ebene bei der Änderung und Kündigung völkerrechtlicher Verträge eingetreten. Denn die völkerrechtliche Ebene ist der richtige Ort, um berechtigten Sorgen über die demokratische Legitimität von völkerrechtlichen Verträgen zu begegnen.

Abstract The article questions the truism – repeatedly voiced by the German Constitutional Court (BVerfG) – that Art 59(2) German Basic Law (GG) enshrines a dualistic understanding of the relationship between international law and German domestic law. The critical perspective developed in this article builds on the evolution of Art 59(2) GG and its predecessors. Moreover, the analysis extends to the coming into force, the modification and termination, the interpretation, the constitutional review of international treaties as well as to parallel and mixed agreements. On the basis thereof, it is suggested that Art 59(2) GG does not necessarily imply a dualistic relationship between international law and German domestic law. Despite neither following a monistic or dualistic theory, the contribution emphasizes the importance of having a sound theoretical legal basis of the relationship of international to German domestic law. Furthermore, the prevailing opinion, which assumes a constitutional competence of the legislative branch to derogate unilaterally from the implemented international treaty, is contested. In contrast to this opinion, it is argued that the involvement of the legislative branch at the international level – when modifying and terminating international treaties – guarantees democratic principles best without subsequently interfering with valid international law.

Zusammenfassung Recht und seine Erzeugung muss den Vorgaben höherrangigen Rechts entsprechen. Gleichwohl müssen Fehler bei der Rechtserzeugung nicht stets dazu führen, dass diese scheitert. Moderne Rechtsordnungen bestimmen nämlich, dass Fehler im Normsetzungsprozess oder bei der Gestaltung des Norminhalts in gewissem Umfang unerheblich für die Entstehung von Recht sind (wenngleich nicht notwendigerweise für seinen Fortbestand als Recht), weshalb auch ‚rechtswidriges Recht‘ als geltendes Recht entstehen kann. Um diesen Umstand unter den Prämissen der Reinen Rechtslehre und insbesondere der Lehre vom Stufenbau der Rechtsordnung abzubilden und zu erklären, haben Adolf J. Merkl und Hans Kelsen zwei unterschiedliche Konzepte entwickelt: Merkl den Fehlerkalkül und Kelsen die Alternativbestimmungen. Trotz mancher Ähnlichkeiten sind beide Konzepte recht unterschiedlich und auseinanderzuhalten. Dieser Beitrag analysiert beide Figuren sowie ihre Hintergründe und stellt sie vergleichend gegenüber. Hierbei zeigen sich die Unterschiede der Figuren und es wird deutlich, dass der Fehlerkalkül gegenüber dem Konzept der Alternativbestimmungen vorzugswürdig ist.

Abstract Legal norms and their creation must comply with higher-level norms. But even unlawful norms can be valid as modern legal orders provide that to a certain extent non-conformance with superior norms does not prevent the creation of a norm, albeit may be a ground for annulment. To describe these legal circumstances under the premises of the Pure Theory of Law (Reine Rechtslehre) and in particular the hierarchical structure of the legal order (Stufenbau der Rechtsordnung) Adolf J. Merkl and Hans Kelsen devised two different concepts: Merkl devised the so-called Fehlerkalkül (“non-conformance calculation”) and Kelsen the alternative prescriptions (Alternativbestimmungen). By scrutinizing and comparing both concepts and their theoretical backgrounds, this paper aims to illustrate the differences of the two concepts and argues that the Fehlerkalkül is the preferable one.

Zusammenfassung Das besprochene Erkenntnis des VfGH ist nicht nur ein guter Anlass, den ausufernden Einsatz der Klassifikation „Willkür“ einmal mehr zu hinterfragen, sondern erlaubt überdies exemplarisch, die mögliche Komplexität eines Verfahrens nach dem ersten Tatbestand des Art 144 Abs 1 B-VG aufzuzeigen, insbesondere: den Prüfmaßstab bei bestimmten Aspekten der Grundrechtsprüfung und die mögliche Gegenläufigkeit bei Grundrechts- und Staatszielkonformität. Dazu werden die künftige Relevanz von „Grundsätzen“ iSd Art 52 Abs 5 der EU-Grundrechtecharta (GRC) sowie der gegenwärtige Stand des grenzüberschreitenden Immissionsschutzes angesprochen.

Abstract Commenting on the Judgement of the Austrian Constitutional Court (CC) at issue allows not only to criticise once more the abundant use of the verdict “arbitrariness”, but also to show how complex the procedure under Article 144(1), first element, of the Federal Constitution (Bundes-Verfassungsgesetz, B-VG) – the complaint before the CC against a decision of an administrative court of first instance on ground of violation of a fundamental right – can be. The comment focuses here on the yardstick which has to be applied when assessing the compliance of the contested ruling with (some elements of) fundamental rights and on the possible antagonism with regard to ordinary legislation between fundamental rights and objectives enshrined in the Constitution. In addition, the future relevance of “principles” within the meaning of Article 52(5) of the EU Charter of Fundamental Rights and the current state of play in the field of cross-border pollution control are addressed.

Zusammenfassung Mit Erkenntnis vom 29.06.2017 hat der VfGH die Entscheidung des BVwG zum Ausbau des Flughafens Wien-Schwechat aufgehoben. Das Erkenntnis des BVwG, mit dem dieses aus Klimaschutzgründen den Ausbau der dritten Piste untersagt hatte, habe in mehrfacher Hinsicht die Rechtslage grob verkannt, was die Entscheidung mit „Willkür“ belastet und die beschwerdeführenden Projektwerber (Flughafen Wien AG, Land Niederösterreich) daher in ihrem Gleichheitsrecht verletzt habe. Im Fokus der Entscheidung stehen die Genehmigungsvoraussetzungen, die das Luftfahrtgesetz in § 71 LFG vorsieht und insbesondere die Frage, ob der Klimaschutz ein „sonstiges öffentliches Interesse“ im Sinne des LFG darstellt. Der VfGH verneint dies im Lichte des BVG Nachhaltigkeit und ungeachtet der Judikatur des VwGH zum Luftfahrtrecht. Die Begründung der Entscheidung überzeugt nicht und wirft rechtsdogmatische und rechtspolitische Folgefragen auf.

Abstract The Austrian Constitutional Court (Verfassungsgerichtshof, VfGH) in its judgement of 29 June 2017 annulled the judgment of the Austrian Federal Administrative Court (Bundesverwaltungsgericht, BVwG) which had denied the permit for a third runway at Vienna International Airport. The VfGH held that in denying the permit for reasons of overriding public interest in reducing CO2 emissions in Austria, the BVwG had misjudged the applicable law and had thus acted arbitrarily, violating the applicants constitutionally guaranteed rights to equality before the law. The judgement focusses on the permit conditions of the Austrian Aviation Act (Luftfahrtgesetz, LFG) and particularly on the question if climate protection is a relevant public interest to be taken into account in the balancing exercise provided for by the relevant provision of the LFG (§ 71 LFG). The Constitutional Court argued that both in light of the Austrian Federal Constitutional Act on Sustainability and in light of the Administrative Court’s (Verwaltungsgerichtshof, VwGH) case-law the public interests in climate protection are not to be considered. The reasoning of the Court is not fully persuasive and raises follow-up questions from the point of view of legal doctrine and legal policy.

Abstract This sixth report prepared by our European Law Department of the Legal Service of the Austrian Foreign Ministry (‘Office of the Legal Adviser’, ‘Völkerrechtsbüro’) covers some of the main developments in European Union Law during 2016 that we have been accompanying from the perspective of an actively implied institutional observer. The issues covered include the newest developments concerning the implementation of the Interinstitutional Agreement 2016 on Better Law-Making (Fülöp, Gorke), recent legal questions that emerged in the ongoing BREXIT negotiations (Schneider) as well as an overview of recent Court of Justice jurisprudence in the field of Common Foreign and Security Policy (Wimberger). We wish to particularly thank the Head of our Legal Service, Univ.-Prof. Bot. Dr. Helmut Tichy and the Head of our Department, Univ.-Prof. Ges. Mag. Dr. Andreas J. Kumin, as well as Ges. Mag. Tünde Fülöp for their careful scrutiny of this report and for their helpful suggestions related to both substance and drafting.

Zusammenfassung Dieser sechste Bericht unserer Abteilung für Europarecht des Völkerrechtsbüros im Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres befasst sich mit einigen der wichtigsten Entwicklungen des Europarechts während des Jahres 2016, die wir aus der Perspektive eines aktiv mitwirkenden institutionellen Beobachters begleitet haben. Die behandelten Themen umfassen neueste Entwicklungen hinsichtlich der Umsetzung der Interinstitutionellen Vereinbarung 2016 über bessere Rechtsetzung (Fülöp, Gorke), Auszüge zu aktuellen Rechtsfragen betreffend die derzeit laufenden BREXIT-Verhandlungen (Schneider) sowie eine Analyse der EuGH-Rechtsprechung im Bereich der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (Wimberger). Wir danken insbesondere unserem Leiter des Völkerrechtsbüros, Univ.-Prof. Bot. Dr. Helmut Tichy und dem Leiter der Abteilung für Europarecht, Univ.-Prof. Ges. Mag. Dr. Andreas J. Kumin, sowie Ges. Mag. Tünde Fülöp für die sorgfältige Durchsicht und die hilfreichen Anregungen zu diesem Bericht, sowohl inhaltlicher als auch redaktioneller Natur.

Zusammenfassung Die Frühjahrstagung der Österreichischen Juristenkommission beleuchtete die Krise(n) der liberalen Demokratie. Die Vortragenden erörterten Ursachen aktueller Krisen und stellten die Frage nach der Krisenfestigkeit demokratischer Systeme, sowie ihrer Rechtsordnungen und Institutionen. Diese können sich als wesentliche Faktoren einer wehrhaften Demokratie erweisen, sind aber in erheblichem Maße abhängig von einem demokratischen Grundkonsens unter politischen Akteuren und Normunterworfenen. Verdeutlicht wurde dies durch internationale Beispiele, deren Vergleich mit Österreich den Schluss zuließ, dass die österreichische Demokratie – trotz möglichen Adaptionsbedarfs in einzelnen Bereichen des Krisenrechts – gut positioniert ist.

Abstract This year’s spring conference of the Austrian Commission of Jurists tackled the crisis of liberal democracy. The contributions revealed not only the causes for current crises of democracy, but analysed the ability of democratic systems to react to various challenges. The legal system and its institutions may serve as major factors for the stability of a democracy, but they themselves depend on a democratic consensus among political actors and people. This was demonstrated by different international case studies that allowed the conclusion that – except possible adaptions with regard to particular legal instruments in case of crisis – the performance of the Austrian democracy can be considered quite well.