ZöR
Zeitschrift für öffentliches Recht

ISSN 0948-4396(Print)
ISSN 1613-7663 (Online)
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Zusammenfassung An der Wurzel der gegenwärtigen Poli-Krise der Union steckt ein Problem des Missbrauchs von Demokratie. Dementsprechend muss die Suche nach Wegen aus der Krise als ersten Schritt beim gegenwärtigen Qualitätsproblem der Demokratie ansetzen. An eine Vertiefung und Effektivierung der Integration ist erst anschließend zu denken. Der vorliegende Beitrag spürt dem jüngeren Phänomen des Missbrauchs direkt demokratischer Instrumente in den Mitgliedstaaten nach und skizziert Ansatzpunkte für unionsrechtlich basierte Antworten darauf.

Abstract One key cause of the EU’s current poli-crisis is the misuse of democratic instruments. Accordingly, any proposals to overcome the crisis must address the bad quality of democratic processes. Deepened and more effective integration does not promise to last without first solving this problem. This contribution retraces the recent phenomenon of misuse of direct democratic instruments in and by EU Member States and tries to devise possible remedies based on EU law.

Zusammenfassung Das Handlungsspektrum von Agenturen der Europäischen Union erstreckt sich zunehmend auch auf die internationale Ebene, wie die zahlreichen Amtssitzabkommen mit Mitgliedstaaten oder Arbeitsübereinkommen mit Drittstaaten oder internationalen Organisationen zeigen. In diesem Beitrag wird untersucht, ob Unionsagenturen über partielle, derivative und partikuläre Völkerrechtspersönlichkeit verfügen und ob dies in Einklang mit Unionsrecht und Völkerrecht steht. Fälle solcher Völkerrechtspersönlichkeit bleiben bisher zahlenmäßig beschränkt und haben Ausnahmecharakter.

Abstract The scope of action of EU agencies increasingly also touches upon the international plane, be it by concluding headquarters agreements with Member States or working arrangements with third countries or international organisations. This article examines whether agencies dispose of partial, derivative and particular international legal personality and whether this would be in conformity with EU and public international law. So far, cases in favour of such international legal personality remain limited and exceptional.

Zusammenfassung Im Januar 2017 entschied der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts im zweiten Parteiverbotsverfahren gegen die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) über ihre Verfassungsmäßigkeit. In seiner Begründung unterstrich der Senat, dass die NPD zwar verfassungsfeindlich, aber nicht verfassungswidrig sei. Das Verfassungsgericht erschuf die neue Voraussetzung der „Potentialität“, um eine Partei für verfassungswidrig zu befinden und sie in Konsequenz zu verbieten. Das Merkmal erfordert, dass eine Partei zumindest die Möglichkeit haben muss, ihre verfassungsfeindlichen Ziele zu erreichen. Diese Voraussetzung erfülle die NPD nicht. Ob dieses neue Kriterium der „Potentialität“ ein Gelungenes ist, welches das Verfahren vereinfacht, ob die Neukreation überhaupt notwendig war und welche Konsequenzen sich aus der festgestellten Verfassungsfeindlichkeit einer Partei ergeben, wird in diesem Beitrag erörtert. Es gibt einige kritische Aspekte, mit welchen sich der Senat in der Entscheidung nicht auseinandergesetzt hat, die aber durchaus diskutabel erscheinen. Nichtsdestotrotz erscheint die Entscheidung im Ergebnis richtig, auch wenn – wenige – Vorbehalte gegenüber dem neuen Merkmal bestehen bleiben.

Abstract In January 2017, the German Federal Constitutional Court (Bundesverfassungsgericht) rejected a proposed ban on the political party Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD). In this verdict, as a second attempt to prohibit the party, the Second Senate of the Court states that the NPD was indeed an anti-constitutional party, however not an unconstitutional one. The Court created the new element of “potentiality” as a requirement for considering a party unconstitutional and, as a consequence of that, for banning it. This criterion requires that a party must at least have the realistic possibility to achieve its anti-constitutional goals. This principle, however, is not fulfilled by the NPD. This article examines whether this new criterion successfully simplifies the party ban procedure and whether its creation was at all necessary, as well as the consequences of a party’s legally established anti-constitutionality. There are a few critical aspects the Senate did not consider in greater detail in its decision but which should be discussed. Even if there are reservations about the criterion of “potentiality”, the Court made the right decision concerning the NPD.

Zusammenfassung Die Energie-Regulierungsbehörden unterliegen strengen unionsrechtlichen Unabhängigkeitsbestimmungen. Auf Grund dieser Vorschriften hat das BVwG das Unterrichtungsrecht des Bundesministers für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft gegenüber dem Vorstand der E-Control als rechtswidrig qualifiziert, während der VwGH unter Berufung auf die Unabhängigkeitsgarantien des E-ControlG die gegenteilige Rechtsansicht vertrat. Dieser Beitrag analysiert die Entscheidungen vor dem Hintergrund der Tatsache, dass neben dem Unterrichtungsrecht keine wesentlichen Steuerungs- und Einflussnahmerechte des Bundesministers bestehen. Darüber hinaus wird gezeigt, dass weitere Einschränkungen der Aufsichtsrechte – wie die Abschaffung des Unterrichtungsrechts des Bundesministers gegenüber dem Vorstand – eine wesentliche Schwächung der demokratischen Legitimation der Verwaltung und daher eine Verletzung des weisungsfreien demokratischen Organisationsmodells der Bundesverfassung bewirken könnten. Vor diesem Hintergrund sollte die demokratische Legitimation der E-Control gestärkt werden, was idealerweise über die Ausweitung der parlamentarischen Kontrollrechte erfolgen könnte.

Abstract The Union law stipulates strict requirements of independence for energy regulatory authorities. Based on these requirements, the Austrian Federal Administrative Court has decided, that the right to be informed of the Federal Minister of Science, Research and Economy towards the Board of the E-Control is not legal. The Austrian Administrative High Court held – with reference to the guarantees of independence of the E-ControlG – the contrary opinion. This article analyses the decisions with regard to the fact, that the Minister essentially has no rights to control or influence the decisions of the Board. It will also be shown, that the restriction of supervision rights – for example the abolition of the Ministers right to information towards the Board – may restrict the democratic legitimacy of the Agency which could lead to an infringement of the model of independent democratic organization of the Constitution. Against this background the democratic legitimacy of the E-Control should be strengthened rather than weakened, ideally through further control-rights of the parliament.

Zusammenfassung Der neugewählte Präsident Donald Trump hat mit Zustimmung des Senates Neil Gorsuch zum Nachfolger des im Februar 2016 plötzlich verstorbenen Höchstrichters Antonin Scalia ernannt. Der vorliegende Beitrag informiert in Fortschreibung des im Dezember 2016 publizierten Aufsatzes über den Roberts Court über die Hintergründe dieser Ernennung sowie über mögliche künftige Vakanzen am US Supreme Court.

Abstract President Donald Trump has successfully appointed Neil Gorsuch as successor to the late Justice Antonin Scalia. It is widely expected, but not certain, that he will vote similar like his deceased predecessor. Given the fact that Justices Ginsburg, Kennedy and Breyer are 84, 80 and 78 years old it is quite likely that President Trump will be able to appoint at least one or even two more justices to the court, which will allow him to substantially influence the jurisprudence for decades to come.

Abstract In 2016, the ECJ and the GC completed a total of 1459 cases. Some of them are directly relevant for Austria, some others brought about substantial developments of EU law in general that have to be observed by all Member States including Austria. The present contribution analyses about 30 rulings of the ECJ and the GC, which were chosen from an Austrian perspective. It is elaborated on the judicial developments of the EU legal order in general and the specific implications for Austria resulting therefrom. In order to comply with the respective obligations under EU law, the Austrian legal order is gradually being adapted. Absolute compliance of the Austrian legal order with EU law will, however, require more time to be implemented.

Zusammenfassung Im Jahr 2016 fällten der Gerichtshof und das Gericht insgesamt 1.459 Entscheidungen. Einige dieser Urteile und Beschlüsse betrafen den Mitgliedstaat Österreich direkt, andere brachten wichtige Weiterentwicklungen einzelner Vorschriften des Primär- und/oder Sekundärrechts, die als geltendes Unionsrecht auch von Österreich zu beachten sind. Der gegenständliche Beitrag analysiert etwa 30 Entscheidungen von EuGH und EuG. Dabei werden die judikativen Weiterentwicklungen der unionalen Rechtsordnung herausgearbeitet und deren Auswirkungen auf Österreich skizziert. Die aus österreichischer Perspektive ausgewählten Urteile und Beschlüsse belegen die nach wie vor dynamische Entwicklung der Judikatur, die mit einer Verpflichtung der Mitgliedstaaten, ihre Rechtsordnung den geänderten Vorgaben anzupassen, verbunden ist. Österreich hat mit dieser Rechtsbereinigung begonnen, muss aber noch weitere Anpassungen seiner Rechtsordnung vornehmen.

Abstract From 19 to 21 September 2016, the mid-term conference of ReConFort, an international and multidisciplinary research project under the supervision of Ulrike Müßig, which is dedicated to investigating the cross-border interplays between constitutional processes and public debates in late 18th and 19th century Europe, took place in Passau and Munich. On the first two conference days, the participants, along with the members of the advisory board, had the opportunity to get a picture of the project’s progress and existing research findings, some of them also reflected in the recently published first ReConFort volume on National Sovereignty. The topics dealt with ranged from constitutional communication, the drafting and the precedence of various constitutions to sovereignty issues. The latter were also the subject matter of the two honorary lectures held by John Allison (Cambridge, UK) and Luigi Lacchè (Macerata, IT; ReConFort Advisory Board).

Zusammenfassung Von 19. bis 21.09.2016 fand in Passau und München die Zwischenkonferenz des von Ulrike Müßig geleiteten Forschungsprojekts „ReConFort“ statt. „ReConFort“, „Reconsidering Constitutional Formation“, ein internationales und fächerübergreifendes Forschungsprojekt, beschäftigt sich mit dem grenzüberschreitenden Zusammenspiel von Verfassungsfragen und der öffentlichen Debatte im Europa des auslaufenden 18. und des 19. Jahrhunderts im Lichte aktueller verfassungs- und europarechtlicher Herausforderungen. Die Vorträge der ersten beiden Konferenztage boten den Teilnehmenden, darunter insbesondere auch den Mitgliedern des Beirats, einen Einblick in den Projektfortschritt und die bisherigen Forschungsergebnisse, die zum Teil auch im bereits publizierten ersten Projektband zum Thema „Nationale Souveränität“ nachgelesen werden können. Die Bandbreite an Themen reichte von Verfassungskommunikation über Ausgestaltungen des Verfassungsvorrangs und die Entstehung verschiedener Verfassungen bis hin zu Fragestellungen aus dem Bereich der Souveränität, wobei letztere auch den Gegenstand der beiden Festvorträge von John Allison (Cambridge, UK) und Luigi Lacchè (Macerata, IT; Beiratsmitglied) bildeten.