ZöR
Zeitschrift für öffentliches Recht

ISSN 0948-4396(Print)
ISSN 1613-7663 (Online)
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Zusammenfassung Richter sind an das Gesetz gebunden, wobei das bindende Gesetz dasjenige ist, das prima facie als einschlägig erscheint. Die Annahme einer Alternativermächtigung des Richters zur Entscheidung nach Gutdünken ist rechtstheoretisch nicht erforderlich, mit dem Rechtsstaatsprinzip unvereinbar, fernliegend und daher abzulehnen. Im Rechtsstaat ergibt sich die entsprechende Pflicht des Richters zur Beachtung des Gesetzes, also zu einer Anwendung des Gesetzes, die das Verbot der Rechtsbeugung befolgt und darüber hinaus rechtsstaatlichen Anforderungen an die Vorhersehbarkeit einer Entscheidung genügt, nicht so sehr aus seinem Bemühen, Sanktionen für gesetzwidriges Verhalten zu vermeiden; solche Sanktionen hat er nach positivem Recht nur ausnahmsweise zu gewärtigen, allerdings unabhängig von der Instanz, der er angehört: Ein von der Androhung aller Unrechtsfolgen ausgenommenes Grenzorgan gibt es im Rechtsstaat regelmäßig nicht. Sie ergibt sich vielmehr zum einen als nicht-moralische Pflicht aus der Innehabung des Richteramtes, zum anderen als moralische Pflicht aus einem entsprechenden Versprechen des Richters, das sich der freiwilligen Übernahme des Amtes und seinem Amtseid entnehmen lässt, sowie aus naturrechtlichen Gründen. Diese Pflichten sind nicht-rechtliche Gründe, das Recht zu beachten, auf die das Recht Bezug nimmt: Das Recht gibt vor, wie die Gerichte die Gesetze beachten sollen; dass sie sie beachten sollen, muss sich – jenseits der sanktionierten Rechtspflicht zur Beachtung der Gesetze – aus unabhängigen Gründen ergeben. Sie sind grundsätzlich nur prima facie Pflichten. Hat jedoch ein Rechtsstaat Grund- und Menschenrechte mit Vorrang gegenüber sonstigen Gesetzen in das positive Recht übernommen, so werden diese Pflichten nur ganz ausnahmsweise von gegenläufigen Pflichten verdrängt werden. Erfüllt der Richter seine Pflicht zur Beachtung des Gesetzes, so erlaubt das in dem Umfang, der rechtsstaatlich erforderlich ist, eine Vorhersage dessen, wie er möglicherweise entscheiden wird.

Abstract Judges have to respect the law ie the law that applies prima facie; to assume an alternative authorisation to decide arbitrarily is not required by legal theory and would be far-fetched and incompatible with the rule of law. In a State governed by that rule the judicial obligation to apply the law in such a way that the judicial decision is reasonably foreseeable as required by the rule of law flows less from the judge’s effort to avoid sanctions for illegal behaviour eg for perverting the course of justice; such sanctions are only provided for in egregious cases. It flows rather – as a non-moral, institutional obligation – from the judge’s position and – as a moral obligation – from a corresponding promise of the judge embodied in her voluntary acceptance of that position and in the judicial oath, as well as from natural law reasons. Those obligations are non-legal reasons to respect the law which are referenced by the law: the law determines how the courts ought to respect the law while their obligation to do so flows from non-legal reasons. In principle, they are prima facie obligations only. However, if a State has accepted into its positive law human or fundamental rights as having primacy over ordinary law those obligations will be superseded by other obligations only very exceptionally. Insofar as a judge fulfils her obligation to respect the law it will be possible to foresee, to the degree required by the rule of law, the range of her possible decisions.

Zusammenfassung Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten besteht aus neun praktisch auf Lebenszeit bestellten Richterinnen und Richtern. Seit seinen Anfängen im späten 18. Jahrhundert nimmt er durch seine Verfassungsauslegung entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des amerikanischen Verfassungssystems. Der vorliegende Beitrag zeigt auf, dass im gegenwärtigen Gerichtshof unter der Leitung des seit September 2005 amtierenden Chief Justice John G. Roberts in vielen bedeutsamen Rechtsgebieten sehr knappe Mehrheitsverhältnisse bestehen. Viele Richtungsentscheidungen wurden mit 5 gegen 4 Stimmen gefällt, wobei regelmäßig die Stimme von Richter Anthony Kennedy den Ausschlag gab. Dies könnte sich nach dem Tod von Richter Antonin Scalia im Februar 2016 ändern, doch ist es sehr unwahrscheinlich, dass es der von der republikanischen Partei kontrollierte Senat dem scheidenden Präsidenten Barack Obama ermöglichen wird, in den letzten Wochen seiner Amtszeit noch einen neuen Richter zu ernennen. Viel wahrscheinlicher ist, dass Donald Trump, der Sieger der Präsidentschaftswahl 2016, einen neuen Richter wird ernennen können. Da die Richterin Ruth Bader Ginsburg bereits 83 und die Richter Anthony Kennedy und Stephen G. Breyer 80 bzw 78 Jahre alt sind, ist es nahe liegend, dass der nächste Präsident mindestens zwei oder sogar drei weitere Richterinnen und Richter ernennen kann, womit er im Wege der getroffenen Personalentscheidungen für viele Jahre Einfluss auf die Judikaturentwicklung haben wird.

Abstract The Supreme Court of the United States of America consists of nine Justices, who are practically appointed for life. From the very beginning in the late 18th century, the Court has played an important part in shaping the constitutional system, simply because it ultimately decides the meaning of the Constitution, which is very difficult to change. This essay shows that the current Court under the leadership of Chief Justice John G. Roberts, who assumed office in September 2005, has been sharply divided in many important areas of the law. In many landmark cases the court split 5 to 4 with Justice Anthony Kennedy casting the decisive vote. This could change after the death of Justice Antonin Scalia in February 2016, but the republican controlled Senate is very unlikely to allow outgoing president Barack Obama the appointment of a successor, who could decisively strengthen the moderately liberal wing of the court, which means that the appointment will almost certainly be made by Donald Trump, the winner of the presidential election of November 2016. Given the fact that Justices Ruth Bader Ginsburg, Anthony Kennedy and Stephen G. Breyer are 83, 80 and 78 years old and are likely to retire in the next five years, Donald Trump will probably be able to appoint two or even three more justices to the court, which will allow him to substantially influence the jurisprudence for many years to come.

Zusammenfassung Die Stichwahl um das Amt des österreichischen Bundespräsidenten wartete am 22.05.2016 mit einem sehr knappen Ergebnis auf. In der Folge kam es zur Anfechtung dieses Ergebnisses, mit welcher sich der Verfassungsgerichtshof zu beschäftigen hatte. Das Erkenntnis des Gerichtshofes ist historisch und für jedwede demokratische Folgewahl in Österreich signifikant.

Abstract The run-off for the Austrian presidency produced a very close result on 22 May 2016. Following that, the result was challenged, and the country‘s Constitutional Court had to decide. The judgment of the Court is historic and significant to every upcoming democratic election in Austria.

Zusammenfassung Mit der Aufhebung der Bundespräsidentenstichwahl hat der VfGH ein Erkenntnis von historischer Bedeutung vorgelegt. Dieses Ergebnis ist vertretbar, die mithin formalistische Begründung jedoch kritikwürdig.

Abstract The Constitutional Court has ruled in a historical decision that the runoff election of the Federal President must be repeated in its entirety in all of Austria. This result is justifiable, but the formalistic reasons call for criticism.

Abstract 2015 brought eight judgments in relation to individual applications directed against Austria. Whereas the previous years could be qualified as years where the Austrian Government rather successfully defended itself before the Strasbourg Court, 2015 shows a rather mixed performance, with five judgments finding a violation by Austria of the Convention. However, the pattern of the “usual suspects” in terms of affected Convention rights has widely remained intact. The reported judgments and inadmissibility decisions deal with Articles 3, 6, 8 as well as 10 of the Convention. It deserves notice that the Court specifically reminded Austria in three of its judgments that it had found violations of Article 6 in regard to Austria in a number of similar cases.

Zusammenfassung 2015 ergingen acht Urteile des EGMR bezüglich Individualbeschwerden gegen Österreich. Während sich die österreichische Regierung in den vergangenen Jahren durchwegs erfolgreich verteidigte, weist das Jahr 2015 ein gemischtes Ergebnis auf, kam es doch in immerhin fünf Fällen zu einer Verurteilung Österreichs. Desungeachtet ist das Muster der „üblichen Verdächtigen“ der betroffenen EMRK-Garantien – Artikel 3, 6, 8 und 10 EMRK – nach wie vor intakt. Bemerkenswert ist demgegenüber, dass der Gerichtshof in drei seiner Urteile besonders daran erinnerte, dass er bereits Verletzungen von Artikel 6 in einer Reihe vergleichbarer Fälle gegen Österreich festgestellt hatte.

Zusammenfassung Mit dem folgenden Beitrag wird die Übersicht über die Rechtsprechung der österreichischen Höchstgerichte zur EMRK für das Jahr 2015 fortgeführt. Inhaltlich ist das Spektrum der Entscheidungen breit gefächert, der besondere Schwerpunkt auf Art 6 EMRK betreffende Fragestellungen ist beinahe schon traditionell. Weitere Schwerpunkte betreffen Art 8 und Art 10 EMRK.

Abstract This contribution continues the survey on the jurisdiction of the Austrian Highest Courts with regard to the ECHR for 2014. With regard to content there is a wide range of decisions, nevertheless the focus is – comparable to previous years – related to Art 6 ECHR. Another focus lies on Art 8 and 10 ECHR.