ZöR
Zeitschrift für öffentliches Recht

ISSN 0948-4396(Print)
ISSN 1613-7663 (Online)
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Zusammenfassung Der Beitrag behandelt die Rolle des Sachverhalts bei der Rechtsanwendung. Das Recht als Sollens-Ordnung kann Tatsachen nur verarbeiten, indem es diese bei ihrem (Wieder-)Eintritt in das Rechtssystem normativ umwandelt. Der Autor deutet die Feststellung der Tatsachen in Form des Sachverhalts somit als verfahrensrechtlichen Teilrechtsakt: „Das Gericht sieht es als erwiesen an“. Der Sachverhalt ist freilich oft schon seinerseits geschichtet und wandelt normative Elemente in Tatsachen um. Diese mehrfache Wandlung ist fehleranfällig und führt zu einer Verschleierung der Verantwortung im Verhältnis der Behörde zum Sachverständigen, eine durchaus aktuelle Problematik. Eine mögliche Verbesserung liegt nicht in einer noch engeren Kooperation, sondern in der transparenten Trennung von Wissen und Wollen.

Abstract This article deals with the “facts” role in the application of the law, whereby one has to separate the “facts of reality” – things as they are – and the “matters of fact” as established by a court when rendering a judgment. The law being a normative order, an order of “ought”, it can process facts of reality only by transforming them into “matters of fact”, which designates their re-entry in the legal system. Hence the author construes the finding of fact as being a separate, procedural act of law, its formula being: “The court deems it established”. Of course, the “matter of fact” itself is often layered and contains normative elements that it transforms to factual ones. This repeated transformation is prone to errors and conceals accountability in the relation between the court and expert-witnesses, which is a quite current problem. An even increased cooperation is not a change for the better; instead, the separation between scientific knowledge and decision making should be made transparent.

Zusammenfassung Die österreichische Rechtsordnung kennt ausschließlich, vollumfänglich, eingeschränkt oder gar nicht für juristische Personen geltende Grundrechte. Während grundsätzlich dem Wortlaut und der Anwendbarkeit des Schutzbereichs auf juristische Personen die entscheidende Rolle zukommt, steht bei juristischen Personen des öffentlichen Rechts und öffentlichen Unternehmen darüber hinaus die Art der Tätigkeit im Vordergrund.

Abstract Fundamental rights in the Austrian legal order can be differentiated in those solely, in full or limited extend applying to legal persons and those referring only to natural persons. Generally the wording of the norms and the applicability of the protection scope to legal persons is of chief importance. In cases of a connection to the State the nature for the practice is predominant.

Abstract Given the absence of a clear statement from the CJEU on the horizontal effect of EU fundamental rights, this contribution takes the corresponding judgment in Association de médiation sociale as an embarkation point for an analysis of the respective case-law. In some cases, the CJEU has explicitly accepted the horizontal effect. While in these cases the source of a specific right as either a general principle of EU law or as a Charter right may not to be decisive, the content as well as the purpose of a ‘fundamental’ right within a specific context is crucial. As a consequence, the question arises as to why some fundamental rights are capable of producing a horizontal effect, while others cannot.

Zusammenfassung In Anbetracht der Tatsache, dass der Gerichtshof der Europäischen Union bis heute keine klare Aussage zur unmittelbaren Horizontalwirkung von Grund-rechten getroffen hat, wird ausgehend vom Urteil in der Rs Association de médiation sociale die einschlägige Judikatur analysiert. Auch wenn der Gerichtshof in einzelnen Fällen eine derartige Horizontalwirkung anerkennt, stellen diese wohl die Ausnahme dar. Die Einordnung eines Grundrechts, ob allgemeiner Rechtsgrundsatz oder in der Charta verankertes Recht, scheint nicht entscheidend – der Gerichtshof stellt vielmehr auf den Gewährleistungsinhalt sowie den Sinn und Zweck eines Grund-rechts in einem bestimmten Kontext ab. Basierend auf dieser Annahme soll die Frage beantwortet werden, warum bestimmte Grundrechte Horizontalwirkung entfalten und andere nicht.

Zusammenfassung Die rechtliche Neujustierung der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion zur Bekämpfung der Staatsschuldenkrise erfolgt durch eine noch nie dagewesene Gemengelage supranationaler und völkerrechtlicher Integrationstechniken und durch eine extensive Auslegung von Organ- und Verbandskompetenzen. Dadurch werden erhebliche Rechtsfragen aus unions- und staatsrechtlicher Sicht aufgeworfen, die nach mancher Ansicht eine Desintegration des europäischen Projekts durch Suspendierung des Rechts befürchten lassen. Der Beitrag erörtert die Frage, ob die zentralen Maßnahmen zur Krisenbekämpfung (insb OMT, ESM, Fiskalpakt) aus rechtsdogmatischer Sicht mit der unionalen und staatlichen Verfassung vereinbar sind.

Abstract The legal readjustment of the European Economic and Monetary Union caused by the sovereign debt crisis is dominated by a never-before-seen mixture of supranational and intergovernmental measures and by an extensive interpretation of competences. This raises significant legal questions. According to some, a disintegration of the European project through suspension of law is imminent. The article discusses the question of whether the measures to combat the crisis (e.g. ESM, OMT, fiscal compact) are compatible with union law and the Austrian constitution.

Zusammenfassung Der Terminus „Multi-Level-Governance“ wird heute häufig zur Beschreibung des Zusammenwirkens der verschiedenen Entscheidungsträger im europäischen Mehrebenensystem verwendet. Dieses Zusammenwirken unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von der klassischen Außenpolitik souveräner Staaten und kann am besten als komplexes Netzwerk bezeichnet werden, in welchem vor allem auch subnationale Einheiten zu eigenständigen Akteuren werden. Für das Öffentliche Recht stellen sich damit eine Reihe von Fragen, wie etwa, ob grenzüberschreitendes Handeln von Organen der Länder als hoheitliche Akte oder solche der Privatwirtschaftsverwaltung (Art 17 B-VG) aufzufassen ist. Im Weiteren setzt sich der Beitrag mit der makroregionalen Alpenstrategie auseinander, die als ein typischer Anwendungsfall von Multi-Level-Governance zu betrachten ist. Diese makroregionale Strategie ist, weil sie querschnittsartig Zuständigkeitsbereiche aller Entscheidungsebenen betrifft, ohne Mitwirkung der Akteure nicht umzusetzen. Damit stellt sich auch die Frage nach der optimalen Governance-Struktur, für die das Öffentliche Recht Antworten und Konzepte liefern muss.

Abstract Nowadays, the term „multi-level governance” is frequently used to describe cooperation of various decision-makers in the European multi-levelled system. This cooperation differs under several aspects from classical politics of foreign affairs. It can be best described as complex network, in which also subnational entities are functioning as autonomous players. For public law there are manifold questions to answer, for example, if cross-border activities of organs of the Austrian federal states are sovereign acts or merely activities based on private law. Furthermore, the article deals with the macro-regional strategy of the Alps, which can be considered as a typical approach of multi-level governance. It turns out to be impossible to implement this strategy of the European Union without cooperation of all players, because its cross-cutting nature touches competences of all levels of governance. This raises the question of the optimal structure of governance for which the science of public law has to deliver concepts and answers.

Zusammenfassung Mit Art 47 GRC wächst der Druck auf das Eigenprozessrecht der EU weiter, sich von seiner bisherigen Rechtsakt-Bezogenheit zu lösen und stattdessen das individuelle Recht ins Zentrum des Rechtsschutzsystems zu stellen. Gebraucht wird dafür eine allgemeine Rechtsverletztenklage, die die gegenständliche Begrenztheit insbesondere der Nichtigkeitsklage überwinden hilft. Der Beitrag will zeigen, dass es die Amtshaftungsklage nach Art 268 und 340 Abs 2 AEUV ist, die diese Aufgabe hervorragend übernehmen kann.

Abstract The EU’s system of judicial review offers protection almost exclusively against such acts which are supposed to have so-called “legal effects” vis-à-vis the plaintiff. Therewith, the system falls short of the requirements established by Article 47 of the Charter of Fundamental Rights, given that – according to that provision – any violation of rights or freedoms guaranteed by the law of the EU must be justiciable, irrespective of whether it was committed through legal or factual conduct. The purpose of this article is to demonstrate that the action for damages provided for in Articles 268 and 340(2) TFEU can serve, if applied according to its full potential, as effective remedy to bridge the existing gaps and thus offer a truly complete system of judicial protection.

Zusammenfassung Für die Vorschreibung der Wiener Parkometerabgabe bestehen verschiedene Vorgaben auf gesetzlicher Ebene und Ausführungsvorschriften in Form von Verordnungen. Die Parkometerabgabe kann demnach sowohl in pauschalierter als auch in nicht-pauschalierter Form entrichtet werden. Im Falle der Pauschalierung dient vor allem ein Parkpickerl (Parkkleber) als Kontrolle der Abgabenentrichtung. Darunter ist eine Ausnahmebewilligung iSd § 45 Abs 4 Z 1 StVO zu verstehen. Da eine Verletzung der Verpflichtung zur Entrichtung der Parkometerabgabe gleichzeitig auch die Missachtung einer Ausführungsvorschrift zur StVO darstellt, liegen nach dem im Verwaltungsstrafrecht prinzipiell geltenden Kumulationsprinzip zwei Verwaltungsübertretungen vor. Dies steht allerdings in einem Spannungsverhältnis zum Doppelbestrafungsverbot. Trotz unterschiedlicher Formulierungen in den einschlägigen Ausführungsvorschriften hängt der Kreis der von der Entrichtung der Parkometerabgabe befreiten Personen nicht davon ab, ob es sich um die Entrichtung der Abgabe in pauschalierter oder nicht-pauschalierter Form handelt. Sämtliche in § 6 Parkometerabgabe-V ausgenommenen Fahrzeuge fallen auch nicht unter den Anwendungsbereich der Pauschalabgabe-V. Die Ausnahmeberechtigung bleibt auch bestehen, wenn der Bezug zu den einschlägigen, die Parkometerabgabe regelnden Vorschriften in den als Kennzeichnungen verwendeten Straßenverkehrszeichen bzw Bodenmarkierungen nicht (ausreichend) hergestellt wird.

Abstract There are various requirements on the legal level and implementing regulations in the form of regulations for the imposition of the parking meter levy in Vienna. This levy can therefore be paid both in standard as well as in non-flat-rate form. In the case of a lump sum in particular a parking sticker serves as a control of the delivery payment. By this is meant an exemption in terms of § 45 para 4 digit 1 Highway Code. Since a violation of the obligation to pay the parking levy simultaneously represents the disregard of an implementation regulation for the Highway Code, there are two administrative offences pursuant to the cumulation principle applicable in the Administrative criminal law. This however stands in tension to the double jeopardy prohibition. Despite the different wording in the relevant implementation regulations, the circle of persons exempt from payment of the parking meter levy does not depend on whether the payment of the levy is in lump sum or non-flat-rate form. All in § 6 of the parking-meter-levy-regulation exempted vehicles also do not fall under the scope of the fixed-parking-levy-regulation. The exception authorization continues to exist even if the reference to the relevant regulations of the parking levy marked through road signs or markings is not (adequately) given.