ZöR
Zeitschrift für öffentliches Recht

ISSN 0948-4396(Print)
ISSN 1613-7663 (Online)
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Zusammenfassung Obschon es erhebliche systematische Unterschiede zu Rechtsgrundsätzen wie den Grundrechten oder der Verhältnismäßigkeit gibt, sind Solidarität und Loyalität fundamentale Prinzipien des Rechts der EU mit entscheidender Bedeutung für den vertikalen und horizontalen Zusammenhalt der Union. Ziel dieses Beitrags ist es, eine grundsätzliche Einordnung und Abgrenzung dieser Prinzipien vorzunehmen, wozu funktionale und methodische Kategorien entwickelt und auf beide Prinzipien angewendet werden. Schließlich wird ein Ausblick darauf gewagt, wie sich die Bedeutung von Loyalität und Solidarität entwickeln könnte.

Abstract Although there are important differences if compared to legal principles such as fundamental rights or proportionality, solidarity and loyalty belong among the fundamental principles of EU law and play a decisive role for the Union’s vertical and horizontal cohesion. Against this backdrop, this contribution aims at categorising and delimiting the two principles, and applies some functional and methodological categories and definitions to them. Finally, an outlook on the possible development of loyalty and solidarity in EU law is given.

Zusammenfassung Nach einer kurzen Darstellung der positivrechtlichen Verankerung von Solidarität und Loyalität in EUV und AEUV beleuchtet dieser Beitrag parallel zu den Ausführungen von Marcus Klamert die konkrete Bedeutung dieser Begriffe, insbesondere in den Bereichen der Außenbeziehungen der Union und den Politiken des Bereichs Justiz und Inneres. Von dieser Analyse ausgehend wird schließlich ein Fragenkatalog erarbeitet, anhand dessen beide Begriffe weiter voneinander abgegrenzt und praktisch angewandt werden können.

Abstract Building on a brief outline of the role of Solidarity and Loyalty in the TEU and TFEU and following the structure provided by Marcus Klamert’s paper, this contribution sheds some light into the concrete meaning of these two terms, particularly in the fields of EU external relations and Justice and Home affairs. Based on this analysis a catalogue of questions is developed, allowing for a further delimitation of both terms as well as for their practical use.

Zusammenfassung Solidarität und Wettbewerb scheinen auf den ersten Blick Antagonismen zu sein: Das Wettbewerbsrecht scheint als Idealtypus den unsolidarischen Einzelkämpfer vor Augen zu haben und jedes Ansinnen wechselseitiger Kooperation oder Hilfeleistung zwischen Unternehmen abzuschneiden. Ein zweiter Blick zeigt jedoch, dass tatsächlich das Gegenteil wahr ist: Das Wettbewerbskapitel inkorporiert eine Solidarbalance, die Ausdruck und Umsetzung der solidarischen Werte und Ziele der Europäischen Union ist. Der vorliegende Beitrag führt diese These näher aus und erhärtet sie am Beispiel der Wettbewerbspraxis in der Finanz- und Wirtschaftskrise.

Abstract On the first glance, solidarity and competition seem to be antagonisms: The ideal of competition law seems to be an unsolidarious lone fighter, and it appears to seek curtailing mutual co-operation or assistance between undertakings. However, a second glance reveals that quite the contrary is true: The competition chapter incorporates a ‘solidarity balance’ that expresses the solidary values and aims of the European Union. This contribution seeks to explain and argue this thesis by giving examples from competition law practice in the financial and economic crisis.

Zusammenfassung Um funktionierenden Wettbewerb und Verbraucherwohlfahrt gewährleisten zu können ist eine umfassende Geltung des europäischen Wettbewerbsrechts unumgänglich. Neben privat agierenden Unternehmen müssen daher auch die Mitgliedstaaten an das Wettbewerbsrecht gebunden sein. Dies wird durch das Prinzip der Loyalität sichergestellt, das einen spezifisch wettbewerbsrechtlichen Inhalt kennt und sowohl primärrechtlich (Art 4 Abs 3 EUV, Art 106 Abs 1 AEUV) als auch sekundärrechtlich (zB VO 1/2003) verankert ist. Dabei sind Art 106 Abs 1 AEUV und VO 1/2003 als leges speciales gegenüber der lex generalis des Art 4 Abs 3 EUV anzusehen. In der Gerichtspraxis wird Art 4 Abs 3 EUV regelmäßig in Verbindung mit Art 101 AEUV über wettbewerbswidrige Übereinkünfte angewandt, während Art 106 Abs 1 AEUV häufig in Verbindung mit Art 102 AEUV über den Marktmachtmissbrauch zur Anwendung gelangt. Insgesamt ergibt sich aus der Rechtsprechung des EuGH zu den wettbewerbsrechtlichen Loyalitätspflichten, dass die Mitgliedstaaten der Europäischen Union jegliche Maßnahmen zu unterlassen haben, welche die praktische Wirksamkeit der Wettbewerbsrechtsregeln beeinträchtigen könnten (effet utile).

Abstract In order to guarantee workable competition and consumer welfare, European competition law must have a broad scope of application. In addition to private companies, Member States must therefore also be bound by competition law. This is ensured by the principle of loyalty, which knows a specific competition law-related content and can be found both in primary (Art 4[3] TEU, Art 106[1] TFEU) and in secondary law (eg, Regulation 1/2003). Art 106(1) TFEU and Regulation 1/2003 can be regarded as leges speciales vis-à-vis the more general provision of Art 4(3) TEU. In court practice, Art 4(3) TEU is usually applied together with Art 101 TFEU on anti-competitive agreements, while Art 106(1) TFEU is often applied together with Art 102 TFEU on abuse of market dominance. Overall, it results from the case law of the CJEU on the competition law duty of loyalty that Member States of the European Union must refrain from adopting any measures that could impair the effectiveness of the competition law rules (effet utile).

Zusammenfassung Davon ausgehend, dass Solidarität einen reziproken Charakter aufweist, zeigt dieser Beitrag die zahlreichen Elemente des Konzepts auf, die in der Wirtschafts- und Währungsunion anzufinden sind – sei dies, weil sie intentional darin angelegt wurden oder sich als Folge der Maßnahmen zur Bekämpfung der Wirtschafts- und Finanzkrise entwickelt haben. Das Papier plädiert schließlich sowohl im Verständnis der gegenwärtigen Lage der Wirtschafts- und Währungsunion als auch über die Ziele des Integrationsprozesses für mehr Ehrlichkeit – nicht zuletzt, damit in der Europäischen Union Solidarität auf Dauer geübt und unter Umständen ausgebaut werden kann.

Abstract Starting out from the idea that solidarity is a concept that includes reciprocity, this contribution outlines the numerous elements of the concepts that can be found in the Economic and Monetary Union – be they intentionally constructed or a consequence of the anti-crisis measures of recent years. Finally it is argued that only honesty about the true situation of the Economic and Monetary Union as well as about the final aim of European integration can secure the sustainable exercise of solidarity in the European Union and possibly even its extension.

Zusammenfassung Im Gefolge der Finanz- und Staatsschuldenkrise haben sich Maßnahmen der EZB als zentrale Instrumente zur Krisenbewältigung erwiesen. Besonders gilt das für „unkonventionelle“ Maßnahmen wie das sogenannte OMT-Programm, über das Staatsanleihenkäufe ohne ex ante betragliche Begrenzung getätigt werden können, um Störungen im geldpolitischen Transmissionsmechanismus auszugleichen. Der vorliegende Beitrag analysiert die unionsrechtliche Zulässigkeit solcher Maßnahmen vor dem Hintergrund des jüngst veröffentlichten Urteils des EuGH in der Rechtssache Gauweiler.

Abstract ECB measures turned out to be crucial in the combat against the financial and sovereign debt crisis. This is especially true with regards to “unconventional” measures, such as the ECB’s OMT program, under which sovereign bonds can be acquired without an ex ante quantitative limit, in order to safeguard an appropriate monetary policy transmission. Against this background, the present contributions analyses whether such measures comply with EU law and thereby particularly takes the CJEU’s recent decision in the case of Gauweiler into consideration.

Zusammenfassung Nach einer allgemeinen Diskussion der Konzepte von Loyalität und Solidarität im Kontext des Unionsrechts wird die Wirkungsweise des Solidaritätsprinzips in der europäischen Verwaltung analysiert. Auf Grund seiner Unbestimmtheit weist dieses zwar nur eine geringe Steuerungswirkung für die unionale wie nationale Gesetzgebung auf, erfüllt jedoch eine Orientierungsfunktion. In der Folge wird argumentiert, dass das Solidaritätsprinzip dadurch eine weitergehende Bedeutung für die unionale und nationale Verwaltung hat, insbesondere als Motiv für die Zusammenarbeit. Diese wird im weiteren Verlauf in ihren vielfältigen Erscheinungsformen und Funktionen des Solidaritätsprinzips untersucht. Der Aufsatz kommt zu dem Schluss, dass das Solidaritätsprinzip auch zum Anknüpfungspunkt einer verwaltungsrechtlichen Fortentwicklung der Europäischen Union werden kann und so zur Legitimation der im Zuge der Europäisierung der nationalen Verwaltungsordnungen festzustellenden horizontalen und vertikalen Verflechtung der Ebenen beiträgt.

Abstract Following on general deliberations about the concepts of solidarity and loyalty in EU law the functioning of the principle of solidarity in European administration is analysed. Because of its indeterminateness this principle does not provide normative guidance for law-making on Union and national levels, but serves as an orientation. Subsequently it is argued that the principle of solidarity by this means has a substantial significance for administrations on Union and national levels, especially as a motivation for co-operation. This co-operation in its various forms and the role of the principle of solidarity therein are examined in the following sections of the paper. The paper concludes that the principle of solidarity may serve as a link towards the evolution of administrative law of the EU and thus may contribute to the legitimacy of the horizontal and vertical integration of national administrative legal orders in the process of Europeanisation.

Zusammenfassung Ausgehend von den Ausführungen von Wolfgang Weiß im vorliegenden Heft befasst sich dieser Beitrag mit den Begriffen Loyalität und Solidarität im Allgemeinen und im Besonderen mit der möglichen Nutzbarmachung des Loyalitätsgrundsatzes des Unionsprimärrechts für die Lösung von Fällen indirekter Kollisionen von Unionsrecht und nationalem Recht.

Abstract Starting out from and based on Wolfgang Weiß’s contribution in this issue, this paper deals with the concepts of loyalty and solidarity in general and, more specifically, with a possible utilisation of the loyalty principle in primary law for the solution of cases of indirect collisions between union- and national law.

Zusammenfassung Das wichtigste Instrument der loyalen Zusammenarbeit im europäischen Strafrechtsraum ist das aus der Binnenmarktdogmatik entlehnte Prinzip der gegenseitigen Anerkennung nach Art 82 AEUV, das der horizontalen Komponente der mitgliedstaatlichen Zusammenarbeit besondere Bedeutung verleiht. Allerdings sind die Befugnisse der Union im Strafrecht wesentlich eingeschränkter als im Bereich des Binnenmarktes und werden durch die opt-outs für Dänemark, Irland und das Vereinigte Königreich weiter begrenzt. Auch die Wahrung der Grundrechte stellt die Schaffung eines einheitlichen europäischen Strafrechtsraums immer wieder vor neue Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund macht dieser Beitrag einige konkrete Vorschläge für die Weiterentwicklung des europäischen Strafrechtsraums.

Abstract The most important instrument for loyal co-operation in the European criminal law area is the principle of mutual recognition according to Art 82 TFEU that is derived from the internal market and gives special relevance to the horizontal issue of co-operation of the EU member states. But competences of the union in the field of criminal law are far inferior to those in the area of the internal market, and the opt-outs for Denmark, Ireland, and the United Kingdom add to this problem. Also the protection of fundamental rights in the criminal law area poses important challenges. Against this backdrop, this contribution provids some concrete suggestions for the further development of the European criminal law area. Der Grundsatz der Loyalität, wie er jetzt in Art 4 Abs 3 EUV verankert ist, findet zweifellos auch im Europäischen Strafrechtsraum eine unmittelbare Anwendung und spielt dort, wie ich gerne zeigen möchte, auch eine besondere Rolle. Hingegen scheint es mir angebracht zu sein, die Bezugnahme auf die Solidarität in den Absätzen 5 und 3 des Art 3 EUV nicht auf das Strafrecht anzuwenden, damit würde man den Gedanken der Solidarität wohl etwas überstrapazieren. Anstelle dessen kommt man beim Strafrecht nicht am Grundsatz der gegenseitigen Anerkennung vorbei und ich möchte mich daher zunächst einigen Fragen zuwenden, die mit diesem für die justizielle Zusammenarbeit zentralen Grundsatz verbunden sind.

Zusammenfassung Dieser Kommentar argumentiert für ein System der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in Strafsachen im Europäischen Strafrechtsraum, das eine bessere Vereinbarkeit der Interessen „Effektive Strafverfolgung“ und „Maximaler Grundrechtsschutz“ gewährleistet. Insbesondere sollte das Prinzip der gegenseitigen Anerkennung durch die Möglichkeit einer ausnahmsweisen Nicht-Anerkennung einer justiziellen Entscheidung aus grundrechtlichen Erwägungen eingeschränkt werden können. Der EuGH könnte die Voraussetzungen hierfür unionsweit einheitlich festlegen.

Abstract This commentary argues for a system of cross-border cooperation in criminal matters with a better compatibility of effective prosecution and maximum fundamental rights protection. Especially, the principle of mutual recognition should be restrictable through the possibility to exceptionally reject the recognition of a judicial decision for fundamental rights reasons. The CJEU could fix common conditions for such a rejection.

Zusammenfassung Nach Klärung der primärrechtlichen Vorgaben für Solidarität in der gemeinsamen Asylpolitik sowohl zwischen den Mitgliedstaaten als auch der EU gegenüber Individuen setzt sich diese Arbeit mit dem Dublin-System als wichtigstem und problematischstem Bereich des einschlägigen Sekundärrechts auseinander. Dabei wird insbesondere auf die jüngere, nicht von Solidaritätserwägungen sondern grundrechtlich motivierte Rechtsprechung des EGMR und des EuGH eingegangen. Von den Rechtsgrundlagen, den Defiziten der derzeitigen gemeinsamen europäischen Asylpolitik und der aktuellen Judikatur ausgehend, kommt die Arbeit zu dem Schluss, dass die Ambition der EU, den Menschen in den Mittelpunkt ihres Handelns zu stellen, wirklich Maßstab für das Handeln der Union werden muss und sie daher glaubwürdige Schritte in Richtung einer wirklichen Solidarität mit Drittstaatsangehörigen setzen sollte.

Abstract After an analysis of the primary law stipulations regarding solidarity in the common asylum policy between the members states as well as of the EU vis-à-vis individuals this paper discusses in-depth the most important and problematic area in pertinent secondary law, the Dublin system. Hereby, the most recent jurisdiction of the ECtHR and the CJEU is examined, that is rather informed by fundamental rights reasoning than by the concept of solidarity. Starting out from the legal bases, the deficits of the current common asylum policy, and recent jurisdiction the paper concludes that the EU should live up to its ambition of focusing its policy on the individual, and therefore should start moving towards true solidarity with third country nationals.

Zusammenfassung Dieser Beitrag behandelt im ersten Teil die Frage, ob den Bestimmungen, die im EUV und im AEUV das Prinzip der Solidarität für das Asylsystem verankern, mehr als nur bekräftigende und auffordernde Wirkung zukommt und ob sie konkret justiziabel sein könnten. Im zweiten Teil wird untersucht, welche Sekundärrechtsakte Regelungen zur solidarischen Wahrnehmung der Verantwortlichkeit enthalten und wie die Gemeinsamkeit nach diesen Regelungen funktionieren soll. Im dritten Teil wird dargelegt, dass sich die Asylpolitik in der Praxis im Hinblick auf die Bereitschaft, vorgesehene Solidaritätsregelungen anzuwenden, deutlich von den vertraglichen Grundlagen unterscheidet.

Abstract In its first part, this contribution deals with the question whether or not the references to the principle of solidarity for the asylum system in the TEU and TFEU owe more than confirmative power and whether they could be litigable. The second part analyses, which parts of secondary legislation touch on the solidary bearing of responsibility and how it shall work. In the third part it is shown that practical asylum policy is diverging distinctly from the foundations in the treaty when it comes to applying rules of solidarity that are originally foreseen.