ZöR
Zeitschrift für öffentliches Recht

ISSN 0948-4396(Print)
ISSN 1613-7663 (Online)
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Zusammenfassung Mit dem Vertrag von Lissabon erkennt die Union die in der Charta der Grundrechte niedergelegten Rechte, Freiheiten und Grundsätze als Rechtsquelle an. Obwohl mit der Charta endlich ein geschriebener Grundrechtskatalog besteht, bestehen daneben die als allgemeine Rechtsgrundsätze entwickelten Unionsgrundrechte (Art 6 Abs 3 EUV) und wird nach dem Beitritt der EU zur EMRK zusätzlich diese die Union und ihre Organe als Rechtsquelle binden. Art 52 Abs 4 GRCh bestimmt, dass die Chartagrundrechte, soweit sie sich aus den gemeinsamen Verfassungsüberlieferungen der Mitgliedstaaten ergeben, im Einklang mit diesen ausgelegt werden. Art 53 GRCh bewirkt aber weder die Inkorporierung nationaler Grundrechtsstandards in die Charta, noch zwingt er umgekehrt die Mitgliedstaaten zur Anpassung der nationalen Verfassungen im eigenen Wirkungsbereich. Der zweifache, nach dem Beitritt der EU zur EMRK dreifache Grundrechtsschutz läuft materiell häufig parallel. Diese Parallelität erfordert in der Praxis Harmonisierungsbemühungen des EuGH, des EGMR und der Verfassungsgerichte der Mitgliedstaaten. Insbesondere für EuGH und EGMR gilt es, die richtige Balance in der Kontrolldichte zwischen verbliebenen Beurteilungsspielräumen („margin of appreciation“) und erforderlicher Durchsetzung der Maßstäblichkeit der jeweiligen Rechtsordnung zu finden. Nur dann kann der erforderliche europäische Grundrechtsschutz die nötige Akzeptanz finden.

Abstract With the stepping into force of the Lisbon Treaty the EU accepted the stipulations of the Charter of Fundamental Rights as a source of jurisdiction. Although by that an explicit catalogue of fundamental rights finally stepped into existence, fundamental rights shall constitute general principles of the Unions Law (Art 6 Paragraph 3 TEU) and after accession to the ECHR the EU and its organs will be additionally bound. Art 52 Paragraph 4 of the Charter stipulates that fundamental rights shall be interpreted according to the joint constitutional traditions of the Member States if the latter had served as their inspiration. Nevertheless, Art 53 does not result in the incorporation of national fundamental rights’ standards into the charter, as well as it does not force Member States to adapt their constitutions in their scope. This double (after the EU’s accession to the ECHR threefold) protection of fundamental rights often runs parallel. Thus, harmonization of the jurisdictions of the ECJ, ECtHR, and the Constitutional Courts of the Member States is urgently required. Especially the ECJ and the ECtHR will have to find the balance between their respective margins of appreciation and the enforcement of the legal orders protected by them. Only then, protection of human rights on European level will be generally accepted.

Zusammenfassung Der Reformvertrag von Lissabon hat nunmehr der Grundrechte-Charta primärrechtliche Verbindlichkeit im Unionsrecht verliehen. Dies beinhaltet angesichts der seit 1969 verfolgten Rechtsprechung des EuGH zum Grundrechtsschutz gegenüber supranationalen Maßnahmen und deren mitgliedstaatlichen Durchführungsmaßnahmen zwar eine neue Legitimations- und Textbasis, jedoch keine grundsätzliche inhaltliche Neubestimmung der Rolle der Grundrechte in der föderalen Rechtsgemeinschaft der Europäischen Union, sondern eine organische Fortentwicklung. Im Vergleich zu staatlichen föderalen Rechtsordnungen wie denjenigen von Deutschland, Österreich und der Schweiz haben die Grundrechte im transnationalen Gemeinwesen der Europäischen Union ein spezifisches rechtspositives (justizielles) Rollenprofil. Dies zeigt sich in der föderalen Mehrpoligkeit der Grundrechtsquellen, im eingeschränkten föderalen Geltungsbereich der Unionsgrundrechte und deren klärungsbedürftiger (differenzierter) unmittelbarer Anwendbarkeit und subjektiv-rechtlicher Qualität, im differenzierten föderalen Anwendungsvorrang, in der aufgeteilten gerichtlichen Durchsetzbarkeit sowie im tendenziell geringeren Konfliktpotential bei Maßnahmen der gemeinsamen (Unions-)Hoheit. Die Grundrechte stehen zudem in einem differenzierten Verhältnis zu den seit jeher primärrechtlichen transnationalen Marktzugangs-Grundfreiheiten des Binnenmarktes. Dem Zusammenhalt der föderalen Rechtsgemeinschaft können die Grundrechte als gemeinsame Wertorientierung und als rechtspolitisches Referenzpotential dienen. Sie substituieren als vertikale Schutzgewährung aber nicht die Kohäsionskraft der horizontal transnationalen Chanceneröffnung der Marktzugangs-Grundfreiheiten für den Zusammenhalt der Union.

Abstract The Treaty of Lisbon has upgraded the Charter of Fundamental Rights to primary law in the European Union. In view of the jurisprudence of the ECJ on the protection of fundamental rights against supranational and nationally implementing measures as pursued since 1969 this upgrade contains a new basis of legitimacy and wording, but does not imply a fundamental new definition of the role of fundamental rights in the federal community of law of the European Union. Rather it is an organic development. In comparison to federal orders of law in states such as Germany, Austria and Switzerland fundamental rights play a specific judicial role in the European Union. This is visible in the federal multi-polarity of sources of fundamental rights, in the reduced federal scope of applicability of the Charter and the unclear differentiated direct applicability of its different provisions as well as their legal quality as subjective rights, in the differentiated federal primacy, in the divided judicial enforceability and in the potentially reduced scope of conflicts for measures of the “common” (Union) authority. Moreover, fundamental rights in the Union stand in a differentiated relation to the fundamental trans-national market access freedoms of the internal market, which have always been primary law from the very beginning of supranational European integration. Fundamental rights can serve the cohesion of the federal community of law by granting a common point of orientation of values and by offering a great potential of reference for legal policies and politics. However, in their function as positions of vertical protection they can not substitute the cohesive force of the horizontal trans-national chances offered by the fundamental market access freedoms for the cohesion of the European Union.

Zusammenfassung Die Grundrechtecharta (GRC) stellt eine homogene Grundrechteordnung dar; die Charta-Grundrechte sind als „Vollstandard“ zu verstehen. Der Anwendungsbereich der GRC ist identisch mit dem Anwendungsbereich des gesamten Unionsrechts; er ist eröffnet, wenn für den jeweiligen Regelungsbereich ein Sekundärrechtsakt besteht oder der Sachverhalt in den Schutzbereich des primären Unionsrechts fällt. Im Anwendungsbereich der GRC hat die Prüfung ausschließlich nach den Charta-Grundrechten stattzufinden; grundsätzlich besteht eine ausschließliche Zuständigkeit der Europäischen Union, die zu einer ausschließlichen Anwendbarkeit der EU-Grundrechte führt. Der Vorrang des Unionsrechts ist damit auch auf dem Gebiet des Grundrechteschutzes maßgebend. Die EU-Grundrechte verdrängen daher die rein nationalen Grundrechte. Grundsätzlich besteht keine Doppelbindung an EU-Grundrechte einerseits und nationale Grundrechte andererseits. Eine Doppelbindung ist nur dann denkbar, wenn in einer Richtlinie ausdrücklich ein höherer nationaler Grundrechteschutz, also ein höherer Schutzstandard, zugelassen ist (Melloni-Formel) und der jeweilige Mitgliedstaat davon Gebrauch macht. Das Rechtsschutzverfahren zur Durchsetzung von EU-Grundrechten ist jenes vor den nationalen Fachgerichten in Kooperation mit dem EuGH. Die nationalen Fachgerichte müssen jederzeit die Möglichkeit haben, unionsrechtliche Fragestellungen an den EuGH heranzutragen; dies gilt auch bei Verstößen gegen EU-Grundrechte. Jeder unnötige Umweg zum EuGH, also jedes zusätzliche nationale Zwischen- oder Parallelverfahren, begründet einen Verstoß gegen das Effizienzgebot. Die Melki-Formel betrifft ausschließlich die Melloni-Konstellation. Nur in einem solchen Fall ist ein Parallelverfahren vor dem nationalen Verfassungsgericht (allerdings ausschließlich zur Prüfung der rein nationalen Grundrechte) überhaupt denkbar. Die Pflicht, dem EU-Recht widerstreitendes nationales Recht aufzuheben bzw zu ändern, trifft ausschließlich den Gesetzgeber. Mit dem Vertrag von Lissabon wurden die nationalen Fachgerichte mit dem EuGH zu den Charta-Grundrechte-Gerichten. Der OGH garantiert einen effizienten und sicheren EU-Grundrechteschutz im Zusammenspiel mit dem EuGH.

Abstract The field of application of the Charter of Fundamental Rights of the European Union is identical to the scope of the European Union law. It is applicable, if the situation is governed by European Union secondary law or European Union primary law. Within the scope of the Charter the analysis has to be exclusively carried out on the basis of the Charter rights. Basically there is an exclusive jurisdiction of the European Union leading to the exclusive application of European Union Fundamental Rights. The primacy of Union law therefore is decisive in the field of protection of fundamental rights. Thus the European fundamental rights displace national fundamental rights. In principle there is no double binding between European Union Fundamental Rights on the one hand and mere national Fundamental Rights on the other hand. A double binding is only to be considered, if a Directive explicitly allows a higher standard of protection and the member state concerned makes use of it. Charter rights have to be enforced before national ordinary courts and national administrative courts in cooperation with the Court of the European Union.

Zusammenfassung In der jüngeren Judikatur des EGMR lässt sich eine verstärkte Tendenz zur Rechtsfortbildung nachweisen. Der EGMR ist dabei bestrebt, den materiellen Gewährleistungsgehalt der EMRK anschlussfähig an – bestehende oder vermeintliche – internationale Trends zu halten. Die Bezugnahme auf internationale Rechtstexte erfolgt dabei ohne erkennbare Systematik, insbesondere spielt für den EGMR die Frage, ob alle Konventionsstaaten oder aber ob der beschwerdegegnerische Staat einem bestimmten völkerrechtlichen Vertrag angehört, keine Rolle. Auf diese Weise wird den Konventionsstaaten ein ihnen teilweise fremder Maßstab aufgedrängt. Der vorliegende Beitrag analysiert zunächst die Rechtsprechung des EGMR und hinterfragt diese auf ihre methodische Haltbarkeit. Als Schlüsselnorm erweist sich dabei Art 31 Abs 3 lit c der Wiener Vertragsrechtskonvention, dessen Handhabung durch den EGMR kritisiert wird.

Abstract Recent case-law of the European Court of Human Rights (ECtHR) reveals a growing tendency towards judicial activism. The Court seeks to keep the contents of ECHR guarantees up to level of protection actually or allegedly embodied in international trends. However, no clear system is discernible in the Court’s reliance on international treaties. In particular, the question of whether all Convention States or at least the respondent State is party to a particular treaty relied upon, is apparently of no relevance for the Court. Thereby, the Court imposes a standard of human rights protection on the Convention States which has not been accepted by all of them. The current study starts by analysing the Court’s case-law. It subsequently challenges the tenability of the Court’s jurisprudence. The master key proves to be Article 31 (3) (c) of the Vienna Convention on the Law of Treaties (VCLT) the use of which is being criticised by the author.

Zusammenfassung Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit dem Phänomen der übergangenen Partei am Beispiel des österreichischen Baurechts. Zu diesem Zweck wird zunächst das in baurechtlichen Verfahren subsidiär anwendbare System des AVG beleuchtet. Auf dieser Grundlage erfolgt eine systematische Darstellung der entsprechenden Bestimmungen in den Bauordnungen der Länder. Die dabei zu Tage tretenden Rechtsschutzdefizite der übergangenen Partei sind schließlich Gegenstand einer vergleichenden Analyse.

Abstract This contribution deals with the phenomenon of the omitted party using the example of Austrian construction law. For this purpose, light is first shed on the General Law of Administrative Procedure which is subsidiarily applicable in procedures of construction law. On this basis a systematic account of the pertinent provisions of the construction law codes of the Länder is attempted. The legal protection deficits of the omitted party which are thereby revealed are then subject to a comparative analysis.