ZöR
Zeitschrift für öffentliches Recht

ISSN 0948-4396(Print)
ISSN 1613-7663 (Online)
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Zusammenfassung Die Abschätzung möglicher Konsequenzen von Gesetzgebung ist ein wichtiges Instrument zur Erhöhung der Transparenz und Bürgernähe des unionalen Rechtsetzungsprozesses und soll damit der Steigerung der Legitimität der Unionsrechtsordnung dienen. Die vorliegende Arbeit beleuchtet nach einer detaillierten Darstellung der einschlägigen Rechtsgrundlagen die praktische Durchführung, die Konsequenzen sowie die Möglichkeiten der gerichtlichen Durchsetzung von Gesetzesfolgenabschätzung bzw ihrer Ergebnisse. Trotz einer im Ganzen positiven Beurteilung des Instruments werden schließlich seine derzeitigen Defizite aufgezeigt, die das Ziel, die Legitimität der EU-Rechtsordnung zu erhöhen, letztlich in Frage stellen.

Abstract The integrated impact assessment process is an important instrument to enhance EU legislation’s transparency and proximity to citizens, thus aiming at improving legitimacy of the EU legal order. After explicating the pertinent legal foundations, this paper sheds some light into the political practice of impact assessment, its consequences, and its enforceability. Considering impact assessment as a valuable instrument generally, it is concluded that there are still significant deficiencies in the procedure that hamper the aim of increasing the legitimacy of the EU legal order.

Zusammenfassung Vor dem Hintergrund der besonders in Deutschland anhaltenden Debatte darüber, ob die in den Krisenjahren 2010 bis 2012 zur „Euro-Rettung“ gefassten Beschlüsse vom erst kurz zuvor in Kraft getretenen Vertrag von Lissabon gedeckt sind oder eine weitere Vertragsänderung erfordern, diskutiert der vorliegende Beitrag ausführlich die bestehenden Primärrechtsnormen, insb Art 122 und 125 AEUV, ihre historischen Grundlagen sowie die einschlägige Judikatur des EuGH. Anschließend wird hergeleitet, dass der zur Errichtung des ESM neu eingefügte Art 136 Abs 3 AEUV lediglich eine Selbstverständlichkeit kodifiziert und eher der innenpolitischen Debatte in Deutschland als juristischer Notwendigkeit geschuldet ist. Obschon der Beitrag das bestehende Primärrecht für eine tragfähige Grundlage der „Euro-Rettung“ versteht, wird längerfristig die Notwendigkeit einer Vertragsreform nicht bestritten, jedoch darauf hingewiesen, dass Vertragsänderung nicht nur den politischen Handlungsrahmen erweitern und die europäische Integration stärken, sondern zugleich auch nicht zu unterschätzende zentrifugale Kräfte in der Union aktivieren können.

Abstract Against the backdrop of the ongoing debate notably in Germany, about the necessity of a treaty reform to strengthen the legitimacy of the „euro rescue packages“ of 2010–12 compared to the primary law as provided by the Lisbon Treaty, this paper provides an analysis of the existing legal foundations of these measures: Arts 122 and 125 TFEU are analyzed in-depth, as well as historical precedents, and the relevant case-law of the ECJ. It is shown that the introduction of Art 136(3) into the TFEU does not provide additional legitimacy to the establishment of the ESM but rather is due to the political debate in Germany. Although the paper holds that the existing primary law provides a sufficient basis for the measures undertaken to safeguard the euro, it does not deny the necessity of treaty reforms in the long run, to enlarge the room for manoeuvre and strengthen European integration. Nevertheless it points at the same time to the dangers of such a course that may release important new centrifugal forces.

Zusammenfassung Der vorliegende Beitrag bietet nicht nur einen Überblick über den derzeitigen Stand der österreichischen Mitgliedschaft in der EU und ihrer Vorgeschichte, sondern zieht in einem rechts- und verfassungsvergleichenden Ansatz zahlreiche Parallelen zu den entsprechenden Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland.

Abstract This contribution not only provides a survey on the present condition of Austria’s membership in the EU and its antecedents, but, with a comparative approach covering constitutional and ordinary law offers a comparison with the respective developments in the Federal Republic of Germany.

Zusammenfassung Die Idee einer Zusammenarbeit zwischen dem Europäischen Parlament als Vertretung der Unionsbürger und der Parlamente der Mitgliedstaaten als Kontrolleure der Regierungsvertreter im (Europäischen) Rat erscheint unmittelbar plausibel und ist im EUV in Art 12f ausdrücklich vorgesehen. Vor diesem Hintergrund diskutiert der vorliegende Beitrag am Beispiel des Deutschen Bundestages die Grundlagen für eine solche Zusammenarbeit, die sich aus dem Unionsrecht und dem deutschen Europaverfassungsrecht ergeben und ergänzt diese Perspektive um Mechanismen und Elemente informeller interparlamentarischer Kooperation. Der Beitrag kommt zu dem Schluss, dass die Rechtsgrundlagen der Zusammenarbeit ausreichend sind. Insbesondere der primärrechtlichen Unterrichtungsverpflichtung der Unionsorgane gegenüber den nationalen Parlamente und der Verpflichtung, Vertragsänderungen im Regelfall im Konventsverfahren durchzuführen wird große Bedeutung zugemessen. Bei der Subsidiaritätskontrolle hingegen stehen Aufwand und Ertrag in einem ungünstigen Verhältnis. Insgesamt sind nationale Parlamente in der Unionspolitik Informationsempfänger, nicht Nebengesetzgeber.

Abstract The idea of co-operation between the European Parliament, acting as a representative of the Union citizens and the Parliaments of the Member States, acting as supervisors of their governments’ actions in the (European) Council seems selfevident and is explicitly laid down in Art 12f TEU. Taking the example of the German Bundestag, this contribution discusses the legal foundations of inter-parliamentary co-operation derived from EU- and German constitutional law, adding informal elements and mechanisms. The author believes that the legal basis for co-operation is sufficient. This holds especially true to primary law provisions that the EU and its organs have to provide information and the stipulation that possible treaty changes have to use the Convention method. On the other hand, subsidiarity control is far from efficient. Finally it is concluded that national Parliaments are recipients of information, not co-legislators.

Zusammenfassung Der Mechanismus zur Kontrolle des Subsidiaritätsprinzips, an dem die nationalen Parlamente aufgrund des Vertrags von Lissabon beteiligt sind, führt unmittelbar zu keiner bedeutenden Verbesserung der Subsidiaritätskontrolle oder der Stellung der nationalen Parlamente und wurde in der Praxis erst einmal betätigt. Die Kommission hat jedoch im Vorfeld und im Umfeld des Vertrags von Lissabon Maßnahmen bei der Ausarbeitung von Gesetzesentwürfen ergriffen, die die Beachtung des Subsidiaritätsprinzips stärken und den nationalen Parlamenten die Möglichkeit geben, ihren Standpunkt zu Gehör zu bringen. Durch die Abgabe von begründeten Stellungnahmen in ausreichender Zahl können die nationalen Parlamente außerdem frühzeitig unterstreichen, dass ein Gesetzesentwurf Probleme aufwirft. Darin liegt allerdings nicht der eigentliche Zweck des Mechanismus.

Abstract The Lisbon Treaty’s early-warning mechanism regarding the principle of subsidiarity, in which the national parliaments participate, does not directly improve subsidiarity control or the position of national parliaments and has so far only been triggered once. By contrast, the Commission took a series of measures before and around the entry into force of the Lisbon Treaty which should ensure greater respect of the principle of subsidiarity in the elaboration of legislative proposals and give national parliaments the possibility to make their views heard in the course of the drawing up of such proposals. Furthermore, by issuing a relevant number of reasoned opinions, national parliaments can underline early in the legislative process that a particular proposal raises difficulties. That is, however, not the original purpose of the early-warning mechanism.

Zusammenfassung Der vorliegende Beitrag behandelt die Frage der Zulässigkeit der völkerrechtskonformen Auslegung von Unionsrecht. Während die völkerrechtskonforme Auslegung von Sekundärrecht idR geboten erscheint – dies spiegelt sich auch in der Judikatur des EuGH wider – ist fraglich, inwieweit dies auch für Unionsprimärrecht gilt, das ja selbst völkerrechtliche Wurzeln hat. Es wird die Ansicht vertreten, dass die völkerrechtskonforme Auslegung von Unionsprimärrecht aus normhierarchischen Gründen nur eine untergeordnete Rolle spielen kann.

Abstract The paper discusses the question whether EU law can be interpreted in the light of international law, focussing on the interpretation in the light of international treaties. Such consistent interpretation is demanded when interpreting secondary EU law, as reflected by the case law of the CJEU. However, it is questionable whether “primary EU law”, meaning the Treaties, should be interpreted in the light of international treaties. According to the author, it follows from the hierarchy of norms that consistent interpretation of primary EU law can only play a minor role and should be appointed very limited significance.

Zusammenfassung Die folgende, auf die österreichische Verfassungsrechtslage bezogene Untersuchung geht der Frage nach, wann ein Gericht die Aufhebung eines Gesetzes beim VfGH zu beantragen hat. Eine Sichtung der Literatur, vor allem aber der Rechtsprechung, zeigt, dass die Antwort auf diese scheinbar leicht zu beantwortende Frage umstritten ist. In engem Zusammenhang mit den unterschiedlichen Auffassungen steht die verfassungspolitische Diskussion um die Einführung einer sogenannten „Gesetzesbeschwerde“ und die methodologische Diskussion um die Zulässigkeit der verfassungskonformen Interpretation von Gesetzen. Wie zu zeigen sein wird, ist die verschiedentlich vertretene Meinung, die österreichische Bundesverfassung ermächtige die ordentlichen Gerichte zur Entscheidung über die Verfassungsmäßigkeit einfacher Gesetze, irrig und beruht auf einem Missverständnis über die Auslegung des Art 89 B-VG, das (mindestens) so alt ist wie das B-VG selbst. Abschließend wird versucht, ein Schema zu entwickeln, anhand dessen in konkreten Gerichtsverfahren die Frage, ob ein Vorgehen nach Art 89 Abs 2 B-VG angezeigt ist, beantwortet werden kann.

Abstract The present article concerns the legal situation in Austria and examines when an Austrian court, including the Supreme Court (“Oberster Gerichtshof”), must turn to the Constitutional Court (“Verfassungsgerichtshof”) in order to request the latter to review the constitutionality of a legal provision. An overview of the pertinent academic literature and the jurisprudence shows that this seemingly easy question is answered controversially. Closely connected to this problem is the political discussion on the proposed implementation of the so-called “Gesetzesbeschwerde” (which means that applicants have the possibility to turn to the Constitutional Court themselves in order to request the Court to review constitutionality of a legal provision) into the Austrian Constitution. Furthermore, the methodological discussion in Austria on the legitimacy of the so-called “verfassungskonforme Interpretation” (which means that provisions of a law are to be interpreted by the courts in such a way that the result is in conformity with the Constitution) is also closely connected with the afore-mentioned questions. It will be shown subsequently that the occasionally held opinion that Austrian courts are authorised to review if legal provisons are against the Constitution is caused by a misinterpretation of the pertinent constitutional provisions that is as old as the Austrian Constitution itself. Finally, the present article seeks to offer a scheme that can be used in particular proceedings to decide whether the deciding court has to make an application to the Constitutional Court or not.

Zusammenfassung Dieser Aufsatz analysiert die Rechtmäßigkeit des Einsatzes des Abstimmungsverfahrens mit umgekehrter Mehrheit, das in den Rechtsakten des sogenannten „Six-Pack“ zur europäischen Wirtschaftsregierung an verschiedenen Stellen vorgesehen ist. Nach einer detaillierten Darstellung der Konsequenzen des Verfahrens für unterschiedliche Abstimmungsszenarien wird es ausführlich rechtlich gewürdigt um zu dem Schluss zu kommen, dass die Abstimmung mit umgekehrter Mehrheit sich im Rahmen des EU-Primärrechtes befindet.

Abstract This paper analyses the legality of application of the Reverse Majority Voting procedure that is foreseen to apply in various cases in the framework of the socalled “six-pack” of EU economic governance measures. Following a detailed outline of the procedure for various voting scenarios, it is analysed in-depth from a legal point of view, leading to the conclusion that Reverse Majority Voting is covered by EU primary law.