ZöR
Zeitschrift für öffentliches Recht

ISSN 0948-4396(Print)
ISSN 1613-7663 (Online)
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Zusammenfassung Im Jahr 2011 haben EuGH und EuG zusammen über 1200 Entscheidungen gefällt. Manche davon sind direkt an Österreich gerichtet, andere haben wesentliche inhaltliche Weiterentwicklungen des geltenden Unionsrechts zum Gegenstand und sind in Österreich als bindende Auslegung des Unionsrechts zu beachten. Im nachfolgenden Beitrag werden ausgewählte Urteile und Beschlüsse von EuGH und EuG mit besonderer Relevanz für Österreich dargestellt. Dabei werden – nach Sachgebieten geordnet – zunächst der Sachverhalt skizziert, daran anschließend die Entscheidungsgründe zusammengefasst und darauf aufbauend die konkreten Rechtsfolgen beschrieben. Die bloß auszugsweise Analyse zeigt die dynamische Entwicklung der Rechtsprechung, die eine Reihe neuer Verpflichtungen auch für Österreich brachte, die innerstaatlich allerdings erst teilweise erfüllt werden konnten.

Abstract In 2011 the Court of Justice and the General Court rendered more than 1.200 decisions. Some of these directly address Austria, some others involve substantial developments of EU law which have to be observed by Austria. The present article outlines selected judgments and orders of the Court of Justice and the General Court which are particularly relevant for Austria and are dealt with according to their respective subject matters. To this effect, first the facts of the cases are described, followed by a summary of the pertinent reasonings of the Courts and are subsequently analysed with regard to the specific legal consequences. This (albeit limited) analysis is proof of the dynamic development of the jurisprudence having resulted in a series of new obligations that are relevant for Austria, although Austrian domestic law is not yet in full compliance with them.

Abstract We, members of the European Law Department of the Legal Service of the Austrian Foreign Ministry (“Office of the Legal Adviser”, “Völkerrechtsbüro”), have been invited by the editors of this distinguished journal to submit a report on Austria’s recent practice in the field of European Union (EU) law. The present report is meant to be a European law twin to the report on international law. Tichy/Schusterschitz/Bittner, Recent Austrian practice in the field of international law in ZöR 1/67 (2012) March 2012. It will deal with issues falling in the competence of our ministry, in particular with horizontal questions pertaining to the development and interpretation of the founding treaties of the EU. Among those questions, we concentrate in particular on the distribution of competences, the functioning of the institutions, the types and effects of legal acts and other cross-cutting issues of “constitutional” nature. We shall also address issues relating to the external representation of the EU and its Member States vis-à-vis third states and international organisations, and the procedures and modalities of the conclusion of international agreements. We wish to particularly thank the head of our Legal Service Helmut Tichy and our colleagues Regine Kramer and Christina Terle for their critical scrutiny of this report and helpful suggestions.

Zusammenfassung Wir, Mitarbeiter der Abteilung Europarecht des Völkerrechtsbüros im Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten, wurden von den Herausgebern dieser angesehenen Zeitschrift eingeladen, einen Bericht über die neuere Praxis Österreichs im Europarecht zu verfassen. Der gegenständliche Bericht versteht sich als europarechtlicher Zwilling zum Bericht über die jüngste Praxis im Völkerrecht. Tichy/Schusterschitz/Bittner, Recent Austrian practice in the field of international law in ZöR 1/67 (2012) March 2012. Er beschäftigt sich mit Themenbereichen, die in die Zuständigkeit unseres Ministeriums fallen, insbesondere horizontalen Fragen der Auslegung und Entwicklung der EU-Gründungsverträge. Unser besonderes Augenmerk gilt dabei Querschnittsthemen in „verfassungsrechtlichen“ Fragen der EU – so die Kompetenzverteilung, die Arbeitsweise der Institutionen sowie Arten und Wirkungen der Rechtsakte der EU. Wir stellen auch Fragen der Außenvertretung der EU gegenüber Drittstaaten und internationalen Organisationen dar und gehen auf die Verfahrensmodalitäten beim Abschluss internationaler Abkommen ein. Wir danken besonders unserem Leiter des Völkerrechtsbüros, Helmut Tichy, sowie unseren Kolleginnen Regine Kramer und Christina Terle für ihre kritische Durchsicht und hilfreichen Anregungen zu diesem Bericht.

Abstract The European Court of Human Rights in 2011 delivered 12 judgments on applications against Austria. They concern different fields like family law, medically assisted procreation, the situation of working prisoners regarding social benefits, old-age pension claims of lawyers and their obligation to act as legal guardian, the length of criminal proceedings and the duration of pre-trial detention, official complaints in administrative penal proceedings, and media law. This article is meant to give an overview over these judgments and to show to what extent they call for reform.

Zusammenfassung Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied 2011 mit 12 Urteilen über Beschwerden gegen Österreich. Sie betreffen so unterschiedliche Gebiete wie das Familienrecht, künstliche Fortpflanzung, die sozialversicherungsrechtliche Situation arbeitender Strafgefangener, die Pensionsansprüche von Rechtsanwälten und deren Pflicht zur Übernahme von Sachwalterschaften, die Dauer von Strafverfahren und Untersuchungshaft, die Amtsbeschwerde im Verwaltungsstrafverfahren und das Medienrecht. Der Beitrag gibt einen Überblick über diese Urteile und zeigt auf, wo Reformbedarf besteht.

Zusammenfassung Die Dogmatik des Grundrechtseingriffs ist in der deutschen Verfassungsrechtswissenschaft bisher über eine bloße Statistenrolle nicht hinausgekommen. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem genuinen Gehalt der Eingriffsprüfung im deutschen Verfassungsrecht. Dabei wird vertreten, dass unter dem Eingriffsbegriff ausschließlich Zurechnungskriterien diskutiert werden sollten. Dabei wird in zwei Schritten vorgegangen. Im ersten Teil des Beitrags werden Eingriffsfragen von solchen des Schutzbereichs und der Rechtfertigung abgegrenzt. Im zweiten Teil geht es dann darum, die Zurechnungskriterien näher zu bestimmen. Dabei wird vor allem auf mittelbare, nicht finale Eingriffe eingegangen. Außerdem wird diskutiert, unter welchen Bedingungen privates Handeln von Amtswaltern dem Staat zuzurechnen ist.

Abstract The question of whether a fundamental right has been restricted by a state authority has not played a major role in the doctrinal discussion in German constitutional law scholarship. This contribution deals with criteria for when a restriction of a fundamental right can be assumed. It argues that the question of restriction is basically a question of whether an interference with a fundamental right can be attributed to the state. In the first part of the article the category of restriction will be contrasted to the definition of the scope of a fundamental right and the justification of a restriction. In the second part, the criteria of attribution will be identified in more detail. The most problematic cases are usually indirect and nonintentional restrictions. Furthermore, we will discuss under which conditions private actions of state officials can be attributed to the state.

Zusammenfassung Das Folterverbot, wie es in Art 3 EMRK verankert ist, fügt sich nicht leicht in das grundrechtliche Standardprüfschema von Schutzbereich-Eingriff-Schranken ein. Der Grundrechtseingriff ist hier nicht wie bei anderen Grundrechten relativ klar von der Definition des Schutzbereichs und der Rechtsfertigungs- und Verhältnismäßigkeitsebene unterscheidbar, sondern die Prüfschritte überlappen in sehr erheblichem Umfang. Dies bleibt nicht ohne Folgen für die Bestimmung der Rolle des Grundrechtseingriffs in Bezug auf Art 3 EMRK. Das Folterverbot wird somit zu einem markanten Beispiel für die Grenzen der Harmonisierung der Grundrechtsrechtsdogmatik im Allgemeinen und der Eingriffsdogmatik im Besonderen. Mit diesem Vorbehalt lassen sich jedoch wichtige Einsichten zum Profil des Grundrechtseingriffs bezüglich Art 3 EMRK gewinnen.

Abstract The prohibition of torture, as enshrined in art 3 ECHR, does not easily fit into the three-step standard scheme (scope of protection-interference-limitations) of analyzing fundamental rights. While in the case of other fundamental rights the concept of interference can be relatively clearly distinguished from the definition of scope of protection and questions of justification and proportionality, these elements widely coincide in regard to art 3 ECHR. This has implications for positioning the concept of interference in the analytical framework of art 3 ECHR. The prohibition of torture represents a striking example for the limits to harmonizing the schemes of analyzing fundamental rights in general and interferences to fundamental rights in particular. With this proviso, important insights as to the functioning of the interference regime in regard to art 3 ECHR may be gained.

Zusammenfassung Der Beitrag analysiert die Rechtsprechung des VfGH zur Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit und gelangt zum Ergebnis, dass der VfGH sich von der Annahme, diesen Grundrechten sei ein „Ausgestaltungsvorbehalt“ inhärent, der Sache nach bereits gelöst hat.

Abstract The survey analyses the case-law of the Austrian Constitutional Court relating to the freedom of assembly and association and arrives at the conclusion that the Constitutional Court has tacitly detached itself from the view that these fundamental rights contain the proviso in favour of the legislator to shape the right.

Zusammenfassung Die inhaltliche Dimension sozialer Grundrechte wird im Lichte der unscharfen Begriffsbildung, die zuweilen von unklaren Prämissen ausgeht, in systematischer Betrachtung vor allem in der Gestalt prinzipiell abwehrrechtlicher Grundrechtspositionen deutlich. Dies zeigt im Besonderen die Perspektive der Eingriffsdogmatik, die am traditionellen Grundrechtsverständnis orientiert ist. Entscheidend erscheint daher zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein Denken in einem sozialen Grundrechtsverständnis, das im Verbund einer Interessenabwägung, wie sie vor allem mit Blick auf den verfassungsrechtlichen Gleichheitssatz, aber auch die Eigentumsgarantie vorgenommen wird, eine soziale grundrechtliche Komponente implementieren kann. Damit ist das für diese Grundrechte maßgebliche Eingriffsdenken auch im Rahmen der sozialen Grundrechtsdimension maßgeblich. Die Schaffung expliziter sozialer Grundrechte bleibt nichtsdestotrotz ein wichtiges rechtspolitisches Desiderat.

Abstract To define social rights appears to be difficult because of a very unclear terminology that lacks solid premises. Given the fact that the Austrian Federal Constitution does not contain any explicit social rights or a Social State Principle, the contribution seeks to make visible the social contents of traditional liberty rights. This aspect is exemplified by the so-called “Eingriffsdogmatik” (ie all scientific research activities focusing on encroachment of human rights), which is based on a traditional human rights understanding. Therefore, for the moment we have to seek a social rights understanding that is in close conjunction with a weighing of interests and with a view to the constitutional principle of equality as well as the right to property is able to implement a social rights based element. As a result and given this conjunction, the “Eingriffsdogmatik” applicable to the above-mentioned rights would also – in principle – apply to social rights. Nevertheless, the creation of explicit social rights remains an important both political and legal project.

Zusammenfassung Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass der Grundrechtseingriff seine Funktion als grundrechtsdogmatische Argumentationsfigur hauptsächlich in der abwehrrechtlichen Dimension der Grundrechte erfüllt. Im Lichte der Anerkennung und Ausprägung grundrechtlicher Gewährleistungspflichten und der (wieder) erwachten Diskussion um soziale Grundrechte wird die Leistungsfähigkeit einer eingriffszentrierten Grundrechtsdogmatik allerdings zunehmend hinterfragt. In den dazu geführten Diskussionen, wie überhaupt in den Darstellungen der allgemeinen Grundrechtsdogmatik, bleiben indes Verfahrensgrundrechte häufig außer Betracht. Zu sehr scheinen ihre Strukturen von den klassischen Freiheitsrechten abzuweichen, um überhaupt von einer Eingriffsdogmatik sprechen zu können. Mit Blick auf die Vielfalt der Verfahrensgrundrechte will der Beitrag aufzeigen, dass bei der Prüfung von Verfahrensgrundrechten indessen durchaus Interpretationsvorgänge stattfinden können, die typischerweise sub titulo Grundrechtseingriff vorgenommen werden. Zwar passen Verfahrensgrundrechte trotz punktueller Verwandtschaften nicht in das tradierte Schutzbereich-Eingriff-Schranken-Prüfungsschema der Freiheitsgrundrechte, allerdings kann der spezifische Blickwinkel der Eingriffsdogmatik dazu beitragen, die strukturellen Merkmale einzelner Verfahrensgrundrechte zu verdeutlichen.

Abstract Academic discussions on the suitability and practicability of the “concept of interference” as it is commonly used to describe the structure of fundamental rights seem to leave out procedural rights as a whole. Given their specific structure and concept, procedural rights do not readily fit into the common scheme of analyzing fundamental rights. Yet, taking into account the diversity of the various procedural rights, putting a focus on questions usually discussed in the context of new the “interference regime” may contribute to further clarify their structural specifics and to gain new insights into the “functioning” of procedural guarantees.

Zusammenfassung: Der vorliegende Beitrag behandelt ausgewählte Fragen rund um den staatlichen Eingriff in die grundrechtliche Gewährleistung freier Meinungsäußerung gemäß Art 10 EMRK. Diskutiert werden dabei zunächst Unterschiede, die in Eingriffszeitpunkt und Eingriffsart angelegt sind, ehe vor dem Hintergrund des Verständnisses der Figur des Eingriffs in der Straßburger Judikatur besonderes Augenmerk auf Fragen der Grundrechtsausübung gelegt wird.

Abstract: The paper addresses questions of scope and application of Article 10 ECHR. After highlighting the relevant kinds of interference with the right to Freedom of Expression, elements of the concept of communication underlying the guarantee’s scope are being discussed.

Zusammenfassung Die Lautsi-Entscheidung der Großen Kammer des Europäischen Menschrechtsgerichtshofs vom März 2011 wurde insbesondere von den mehrheitlich katholischen Mitgliedstaaten des Europarats erwartet. In ihr schreibt der Gerichtshof den Mitgliedstaaten einen Beurteilungsspielraum bei der Ausfüllung der Verpflichtungen aus Art 2 1. ZP EMRK zu und erlaubt damit im konkreten Fall Italien das Aufhängen von Kreuzen in den Klassenräumen staatlicher Schulen. Die Entscheidung lädt zur Reflexion über die staatliche Neutralitätspflicht im Rahmen von Art 2 1. ZP EMRK, über die Art und Weite des Ermessensspielraums im Rahmen so genannter positiver Verpflichtungen, sowie über den Einfluss des Subsidiariätsprinzips als Leitprinzip der Konvention ein.

Abstract The Lautsi-Decision of the Grand Chamber of the European Court of Human Rights in March 2011 was long awaited, in particular by those member states of the Council of Europe with a catholic majority population. In its decision, the Court awards states a wide margin of appreciation in fulfilling their obligations according to article 2 (1) of the Additional Protocol 1 to the ECHR. Ultimately, it allows Italy the display of crucifixes in state run schools. The judgment invites to further reflexions upon the scope of state neutrality under article 2 (1), the margin of appreciation doctrine in the area of positive obligations and on the principle of subsidiarity as a guiding principle for the Convention.

Zusammenfassung Am 14. März 2012 hat der VfGH in einer spektakulären Entscheidung ausgesprochen, dass die Rechte der Grundrechte-Charta ab nun – anders als das übrige Unionsrecht – einen Prüfungsmaßstab seiner Rechtskontrolle bilden. Er stützt sich dabei auf das unionsrechtliche Äquivalenzprinzip; ob dieses Prinzip die Entscheidung trägt, ist indes fraglich. Der vorliegende Beitrag untersucht die Argumente des VfGH und skizziert, welche Folgen diese Entscheidung für den Rechtsschutz in Österreich hat.

Abstract On 14 March 2012 the Austrian Constitutional Court has stated in a spectacular decision that the rights guaranteed by the EU Charter of Fundamental Rights would from now on serve as a yardstick for its judicial review – unlike the rest of EU law. The Court based its decision on the principle of equivalence of EU law remedies to national remedies; however, it seems doubtful whether this principle forms a suitable basis. This comment examines the arguments of the Constitutional Court and outlines the decision’s consequences for the Austrian system of legal protection.